von Dr. Christian Wlaschütz

11 Jahre Friedensarbeit in Kolumbien


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Prägung durch die Region Magdalena Medio

2006 – das war das Jahr, in dem mein intensives Leben und Arbeiten in Kolumbien begann. Schon mehrere Jahre zuvor hatte ich mich mit dem Land beschäftigt, durch Praktika bei UNHCR und der International Crisis Group in Ecuador und bei Human Rights Watch in Washington. Aber die Fülle an Eindrücken, Erfahrungen und neuen Fragestellungen verdanke ich erst meinen drei Jahren im Magdalena Medio, einer der am meisten in Mitleidenschaft gezogenen Konfliktregion Kolumbiens.
Im Februar 2006 kam ich erstmals nach Barrancabermeja, um das Programa de Desarrollo y Paz del Magdalena Medio (Entwicklungs- und Friedensprogramm der Region Magdalena Medio), besser bekannt als das erste EU-Friedenslaboratorium, zu besuchen und kennenzulernen. Bereits seit 2002 förderte die EU diese regionale Organisation, die 1995 angesichts der enormen Gewalt und Armut auf der Grundlage einer Zusammenarbeit zwischen Diözese, Jesuiten, Ölgewerkschaft und UnternehmerInnen gegründet wurde. Von Beginn an war der Zusammenhang zwischen Frieden und sozialer Gerechtigkeit die Grundlage der Arbeit des Programms. Die ersten Schritte waren damals neben akademischen Analysen die Ausarbeitung von Entwicklungsplänen durch die lokale Bevölkerung. Ein hoher Grad an Teilnahme sollte dadurch geschaffen werden.

Der Fluss Magdalena prägt die Region Magdalena Medio. Barrancabermeja ist ihre inoffizielle Hauptstadt. Ihr „Wahrzeichen“ ist die Öl-Raffinerie, von der die Wirtschaft der Stadt abhängt.

Meine Ankunft in Barrancabermeja überschnitt sich mit dem „Friedensprozess“ der Regierung Uribe mit den Paramilitärs, einer Ansammlung von regionalen bewaffneten Gruppen, die unter dem Dach AUC (Vereinigte Selbstverteidigungskräfte Kolumbiens) seit den 1990ern schwerste Verbrechen gegen die Menschlichkeit verübt hatten. Mittlerweile ist vielfach nachgewiesen worden, dass es systematische Verbindungen zu staatlichen Einrichtungen gab, die den Kampf gegen die linke Guerrilla zum Vorwand nahmen, die Opposition und ihre Ausformungen (Parteien, Gewerkschaften, zivilgesellschaftliche Einrichtungen) zu bekämpfen.

Am Tag vor meinem Eintreffen hatte sich die regionale Einheit der Paramilitärs, der Bloque Central Bolivar, offiziell demobilisiert und die Waffen übergeben. Allerdings war bekannt, dass die Entwaffnung höchstens partiell war und sich die Gruppe nicht aufgelöst hatte, also als Block weiter existierte. Dieser Kontext definierte gleich zu Beginn meine Arbeitsbereiche: Transitional Justice, Reintegration sowie vermehrt Versöhnung. Es stellte sich schnell heraus, dass in sämtlichen dieser Arbeitsfelder mein Status als Insider-Outsider von Vorteil war. Einerseits war ich Teil des Programms, das durch viele Jahre der Arbeit das Vertrauen der Bevölkerung, der staatlichen Einrichtungen und der internationalen Organisationen gewonnen hatte, andererseits war ich offensichtlich frei vom Verdacht, zu bestimmten Gruppen zu gehören oder (politische) Interessen zu verfolgen. Das ermöglichte mir die Kontaktaufnahme und die Arbeit mit sämtlichen Akteuren sowie die freie Bewegung durch die Region.
Die konkreten Tätigkeiten waren sehr vielfältig und können hier nicht vollständig abgehandelt werden. Als Teil einer sogenannten „Mid-Level“ Organisation konnte es vorkommen, dass ich an einem Tag in einem schwer erreichbaren Dorf einen Workshop zu Konfliktmanagement gab und zwei Tage später im Präsidentenpalast in Bogotá ein millionenschweres Projekt mitverhandelte. Ich lernte also nicht nur verschiedenste Umgebungen und Menschengruppen kennen, sondern auch unterschiedliche Perspektiven auf den bewaffneten Konflikt in Kolumbien – die Sicht der von Gewalt direkt Betroffenen, die sich daran gewöhnen mussten, mit (illegalen) bewaffneten Gruppen ein Territorium zu teilen und so Überlebensstrategien zu entwickeln, und ebenso die Sicht von BeamtInnen, die im fernen Bogotá vor der Aufgabe standen, „Friedenspolitik“ zu machen. Oft sah ich mich innerhalb einer kurzen Zeit mit der Tatsache der großflächigen Abwesenheit des Staates und seiner Leistungen genauso konfrontiert wie mit den gut ausgearbeiteten und aufbereiteten PowerPoint-Präsentationen der Ministerien, die mit Statistiken ihre Errungenschaften darzustellen versuchten. Ebenso kontrastierte das Leiden einer Mutter, die erzählte, wie ihre beiden Söhne von zwei unterschiedlichen Gruppen umgebracht wurden, mit dem abstrakten Diskurs über die Notwendigkeit der Aufarbeitung der Vergangenheit oder, wie damals die Regierung Uribe argumentierte, mit der Sinnhaftigkeit, auf eine solche zugunsten einer „besseren Zukunft“ überhaupt zu verzichten. Diese abrupten Veränderungen der Umwelt, der Interessen und der Sichtweisen stellten hohe Anforderungen an das eigene Vermögen, möglichst unbefangen zuzuhören, Wertschätzung zu zeigen und dennoch eine solide Prinzipiengrundlage nicht zu verlassen.

Besonders kompliziert war das oft beim Thema der „Transitional Justice“, also der Vergangenheitsbewältigung durch die Klärung, was warum geschehen ist, durch den Versuch der Wiedergutmachung und durch verschiedene Strategien der Gerechtigkeit (etwa Strafverfahren, außergerichtlicher Ausgleich, Bußleistungen). Inzwischen konnte ich das Thema auch im Rahmen meiner Dissertation vertiefen, in der die Frage gestellt wurde, mit welchen Inhalten Menschen in Konfliktgebieten den Begriff „Transitional Justice“ und jenen der „Versöhnung“ füllen.

Einige Anekdoten sollen Erfahrungen und Dilemmata in diesem Bereich veranschaulichen.

Transitional Justice

Im Oktober 2006 fand in Puerto Berrío, einer 50.000-EinwohnerInnen-Stadt im Bundesstaat Antioquia eine Woche statt, in der die Erfahrungen der letzten zwei Jahrzehnte „in die Öffentlichkeit getragen“ werden sollten. Diese Zeit umfasste neben den Massakern durch die Paramilitärs auch die Vernichtungswelle gegen die Linkspartei Unión Patriótica (Patriotische Union), die aus den Friedensverhandlungen zwischen der FARC und der Regierung Belisario Betancourt hervorgegangen war.

In jener Woche fanden, vor allem durch die Pfarre organisiert, auf dem Hauptplatz Theatervorführungen statt, in denen Szenen der Gewalt dargestellt wurden; es gab eine Ausstellung von Kinderzeichnungen, die ihre direkten Erlebnisse, unter anderem von Erschießungen, zu Papier brachten; viele Vorträge wurden gehalten; und letztlich wurde die Organisation „Ave Fenix“ im Gefolge dieser Woche gegründet. Diese hatte zum Ziel, die Opfer zu organisieren, ihre Rechte einzufordern, sich des Unrechts bewusst zu werden und vor allem „für eine bessere Zukunft“ dieser Stadt einzutreten.

Puerto Berrío, 2006: Gedenkveranstaltung an die ermordeten, verschwunden gelassenen und gefolterten BewohnerInnen der Stadt. Auf den Ziegelsteinen sind die Namen dieser Menschen eingeschrieben. Erinnerung ist ein wesentliches Element der sogenannten „Transitional Justice“.

Oftmals fuhr ich danach für das Programm nach Puerto Berrío, um an unterschiedlichen Aktivitäten von „Ave Fenix“ mitzuwirken, Vorträge zu halten oder einfach präsent zu sein. Unvergesslich ist mir eine Diskussion, geleitet von einer Vertreterin einer Menschenrechtsorganisation aus Medellín, über die Frage, welche die Ziele von „Transitional Justice“ wären. Sie gab den Anwesenden mehrere Möglichkeiten (Rechtsbewusstsein, Versöhnung, Vergessen) vor und ließ dann in der Überzeugung abstimmen, dass ihr vorangegangener Vortrag eine deutliche Mehrheit für die erste Option bringen würde. Diese deutliche Mehrheit erzielte aber der Punkt „Versöhnung“, was die Vortragende relativ fassungslos zu Kenntnis nahm. Wie verhält sich also Versöhnung mit der Einlösung von Rechten? Was hat Priorität? Wieviel und welche Wahrheit etwa ist sinnvoll für den Aufbau eines friedlichen Zusammenlebens? Welche Alternativen zur Strafgerechtigkeit gibt es, die es TäterInnen erlauben, sich wieder in das Zivilleben einzufügen?

Die Rolle des Staates

Im direkten Zusammenhang damit war die Rolle des Staates im Leben von Menschen in Konfliktregionen fast durchwegs Teil meiner Arbeit. Ich erinnere mich an den Auftrag, in einer sehr abgelegenen Ansammlung von Dörfern gemeinsam mit den Führungspersönlichkeiten vor Ort eine Analyse über die Formen der Gewalt in der Umgebung und ihre Ursachen zu verfassen. Zu diesem Zweck lebte ich dort insgesamt einige Wochen und hatte mehrere Gespräche und Interviews. Der Staat kam in diesen nur indirekt vor, nämlich als Objekt von unerfüllten Erwartungen: die Erwartung, beschützt zu werden, die Erwartung, eine Schule ausgestattet zu bekommen, oder die Erwartung eines Beitrags zum Ausbau der miserablen Straße. Nichts davon wurde erfüllt, sodass neben dem Aufbau einer Basisinfrastruktur auch die Verteidigung gegen die Guerrilla von den EinwohnerInnen selbst übernommen wurde – eine weitere Selbstverteidigungsgruppe entstand weitgehend unabhängig von den erwähnten Paramilitärs, die allerdings letztendlich die Rolle des Staates übernahmen, die Leute mit Waffen ausstatteten und am Ende die Region kontrollierten. Kein Wunder also, dass nicht nur dort Menschen auf die Frage „Auf einer Skala von 0 bis 10, wieviel Vertrauen haben Sie in die staatlichen Institutionen?“ regelmäßig mit 1 oder 2 antworteten!

Oftmals erschien der Staat auch direkt als Feind der Bevölkerung, vor allem in Regionen, wo er meinte, gegen die Guerrilla zu kämpfen, letztlich aber vor allem Zivilisten schadete. In diesem Zusammenhang besonders bewegend war für mich der Skandal der sogenannten „falsos positivos“, also der Exekution von Zivilisten durch das Militär. Die beteiligten Soldaten verkleideten ihre Opfer und gaben sie als im Kampf getötete Guerrilleros aus. Dass die Täter damit nur weitere Vergünstigungen wie Urlaub oder Sachleistungen erreichen wollten, zeigt das gesamte Ausmaß der zur Debatte stehenden Aufarbeitung.

Umso bewundernswerter habe ich die zahlreichen Aktivitäten von Organisationen wie dem erwähnten Programm für Entwicklung und Frieden im Magdalena Medio in Erinnerung, ständig den Dialog und die konstruktive Zusammenarbeit mit staatlichen Einrichtungen zu suchen. Dabei kam es zuweilen auch vor, dass staatliche Funktionäre erst durch diesen Kontakt ihre eigentlichen Aufgaben erkannten und entsprechend handelten. Oftmals lernten sie auch durch die Vermittlung zivilgesellschaftlicher Organisationen die sozialen Realitäten ihres Bezirks oder ihres Gemeindegebiets kennen.

Der Coca-Strauch: In einigen Regionen scheint er das einzige Motiv für staatliche Aktivitäten zu sein. Da der Zugang zu diesem Thema meist der der Repression ist, erscheint der Staat in diesen Zonen als Polizei und Militär, nicht aber als Förderer von Alternativen zum Coca-Anbau.

Versöhnung

Sehr lehrreich in Bezug auf Versöhnung war für mich die Arbeit im Süden des Bundestaates Bolivar, einer Region, die von unterschiedlichen bewaffneten Akteuren heimgesucht wurde und daher eine große Zahl von Opfern aufzuweisen hatte. Das Ziel war es, nach der „Demobilisierung“ der Paramilitärs ein neues Zusammenleben ohne Druck durch Bewaffnete zu ermöglichen. Wie sollte das erreicht werden, wenn plötzlich TäterInnen und Opfer Tür an Tür leben müssen, ohne jegliche Begleitung durch staatliche Einrichtungen, etwa in Form psychologischer Betreuung?

Der Süden Bolivars ist eine der Regionen mit der mangelhaftesten Infrastruktur. Zu einem Großteil ist das die Folge von Jahrzehnten des bewaffneten Konflikts, der die Region zur „roten Zone“ werden ließ – eine Kampfzone ohne staatliche Investitionen.

In dieser Umgebung lernte ich viel über den Unterschied zwischen akademischen, ja auch manchmal zivilgesellschaftlichen Diskursen über die Notwendigkeit der Bewältigung des Geschehenen und dem großherzigen und pragmatischen Zugang der betroffenen Bevölkerung. Sehr schnell war klar, dass die Zivilbevölkerung keinerlei Alternative zur erfolgreichen Eingliederung der KämpferInnen sah. Eine vorsichtige Gratwanderung zwischen der notwendigen Aufarbeitung und Wiedergutmachungsleistungen und der vorbedingungslosen Zusammenarbeit etwa in Produktivprojekten folgte. Am Erstaunlichsten war in Gesprächen die Erkenntnis der Zivilbevölkerung, dass oft nur Zufälle verhinderten, dass sie selbst sich einer bewaffneten Gruppe anschlossen. Viele Biografien der KämpferInnen und der Zivilbevölkerung ähnelten einander, sodass bei besserem Kennenlernen fast so etwas wie Verständnis für die Demobilisierten aufkam.

Manchmal war das für mich als Außenstehenden beinahe zu viel und zu schnell des Guten; wiederholt entstand der Eindruck eines Stockholm-Syndroms, wo die Abscheulichkeiten, die öffentlichen Tötungen und Folterungen sowie die Vergewaltigungen plötzlich aus dem Blick gerieten. Wie verhält man sich da als Berater? Freut man sich über die neu gewonnene Ruhe, oder bringt man Leid zur Sprache? Wie geht man mit dem inneren Impuls um, Unrecht zu benennen und Reue einzufordern von Menschen, die trotz Demobilisierung überzeugt sind, für Freiheit und Heimat gekämpft zu haben?

Das Thema der Versöhnung stand vor allem auch während meiner Zeit mit dem Jesuitischen Flüchtlingsdienst im Vordergrund. Diese Organisation arbeitet in mehreren Dutzend Konfliktländern und begleitet Flüchtlinge bei der Entwicklung eines neuen Lebensprojekts, nachdem ihr eigentliches durch die Flucht vielfach zerstört wurde.

Meine Aufgabe bestand darin, eine Versöhnungsstrategie in den vier vom Dienst abgedeckten Konfliktgebieten Kolumbiens auszuarbeiten. Dazu waren unzählige Gespräche mit den lokalen Teams, den Partnerorganisationen und der Zielgruppe, also den intern Vertriebenen, durchzuführen. Kolumbien war damals, im Jahre 2012, mit etwa sieben Millionen das Land mit den meisten Binnenflüchtlingen.
Erneut wurde deutlich, wie sehr Versöhnung im Verdacht steht, Straflosigkeit, Vergessen und den Zwang zur Vergebung zu beinhalten. Welche Bedeutung soll auch Versöhnung mitten in einem bewaffneten Konflikt haben, vor allem für Leute, die nicht dort leben können, wo sie eigentlich zu Hause sind? Welche Motivation kann es in einer solchen Situation überhaupt geben, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen?

Gruppenfoto nach einer sehr intensiven Arbeit zum Thema Versöhnung: Was heißt Versöhnung für das eigene Leben? Wie arbeitet man Versöhnung als Vertriebene/r? Wie halte ich es mit Rache, mit Gerechtigkeit, mit Vergebung?
Mutige Fragen für eine mutige Gruppe in Cúcuta (2012)

In einigen Workshops erarbeiteten wir die vielen verschiedenen Dimensionen von Versöhnung. Die, die am schwersten und unmittelbarsten schien, war interessanterweise nicht die mit den Menschen, die Unrecht verübt haben, sondern jene mit sich selbst. Viele der Binnenflüchtlinge fragten sich, ob es richtig war zu fliehen, obwohl Verwandte oder Bekannte vor Ort blieben. Viele wussten, dass sie gerade noch wegkamen, während andere Menschen umgebracht wurden – zurückblieb das Schuldgefühl, noch am Leben zu sein. Viele meinten auch, nicht genug getan zu haben, um Angehörige oder Freunde zu beschützen.

Diese sehr persönlichen, meistens auch spirituellen Problemstellungen überdeckten die weiteren Dimensionen der Versöhnung. Die Beziehung zum Täter, zum Staat oder zur neuen Umgebung trat deutlich in den Hintergrund, zumindest vorläufig. Damit trafen sich die Opfer übrigens mit den Tätern, die nach ihrer Demobilisierung, wenn auch mit umgekehrten Vorzeichen, ebenfalls vor den Scherben ihrer Vergangenheit stehen.

2016/2017 – Aufbruch und Papst-Besuch

Ähnliche Themen stehen auch in diesen Tagen des Jahres 2017 auf der Tagesordnung. Diesmal handelt es sich um FARC-KämpferInnen, ebenfalls verantwortlich für Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die ihren Weg ins Zivilleben begonnen haben. Nach vierjährigen Verhandlungen erreichten die Regierung und die FARC ein umfangreiches Abkommen, in dem der Zusammenhang zwischen Frieden und sozialer Gerechtigkeit verstärkt in den Blick genommen wurde. Die Verteilung des Landes, die Ausbeutung der Rohstoffe sowie die Frage der politischen Partizipation sind genauso Teil des Abkommens wie die zuvor behandelten Themen. Meine Erfahrungen der letzten 11 Jahre machten sehr deutlich, dass Friedensprozesse für Menschen erst dann relevant werden, wenn die Themen, die ihr Leben direkt betreffen, wie Bildung, Arbeit und Gesundheit, auch behandelt werden. Solange dies nicht der Fall ist, bleibt Frieden ein fernes, abstraktes Konzept oder, noch schlimmer, ein anderer Begriff für die Festigung eines ungerechten Systems. Durch diese Erfahrung war es für mich anders als für viele „ExpertInnen“ auch keine Überraschung, dass das Referendum über das Abkommen vom Volk im September 2016 knapp abgelehnt wurde. Der Bezug zu den Menschen fehlte einfach.

Was für emotional intensive Tage waren das in jenen Wochen! Zuerst die Feier zur Unterzeichnung des Abkommens in Cartagena, wo Tränen der Freude über das scheinbar Unmögliche flossen. Sechs Tage später flossen Tränen der Enttäuschung über das Undenkbare, nämlich die Ablehnung des Abkommens durch das Volk. In den Tagen danach Massenkundgebungen für den Frieden in Bogotá und anderen Städten; fünf Tage nach dem Referendum die Verleihung des Friedensnobelpreises an Präsident Santos inmitten der Unklarheit über die Zukunft des Friedensprozesses. Im Dezember wurde ein modifiziertes Abkommen ohne erneutes Referendum durch den Kongress gewunken und wichtige begleitende Gesetze verabschiedet. Die FARC hat sich mittlerweile in eine politische Partei gleichen Namens verwandelt. Die beiden wesentlichen Übereinkommen, nämlich die außerordentliche Gerichtsbarkeit und die Wahrheitskommission, stehen kurz vor der Aufnahme ihrer Tätigkeiten – Gerechtigkeit und Versöhnung werden so wieder stark im Vordergrund stehen.

Die beschriebenen Fragen und Dilemmata haben meinen Blick auf das, was möglich ist, geweitet. Ich lernte Menschen kennen, die ihre gesamte Familie verloren haben und dennoch von der Notwendigkeit der Versöhnung überzeugt sind.

September 2017: Der Papstbesuch wurde von Millionen von Menschen begleitet. Seine Botschaften zu Versöhnung, sozialer Gerechtigkeit und Menschenwürde kamen zu einem wichtigen Zeitpunkt: Der Friedensprozess zwischen Regierung und FARC benötigte dringend einen Schub an Glaubwürdigkeit angesichts der stärker werdenden Opposition.

Gerade im Moment des Schreibens dieses Artikels wird Papst Franziskus nicht müde, während seiner Reise durch Kolumbien vor Millionen von Menschen auf die Notwendigkeit für den Friedensprozess von sozialer Gerechtigkeit und Versöhnung, von Wahrheit und Barmherzigkeit hinzuweisen. Der Moment in Villavicencio, als vier frühere KämpferInnen und Opfer von ihrem Leben berichten, das von tiefen Schatten umgeben war, aus denen sie durch das Engagement für andere Menschen heraustreten konnten, war 2006 in dieser Form noch nicht vorstellbar. Genausowenig wie die Feststellung des Papstes, dass Kolumbien nun in einer neuen Zeit angekommen ist, weg von Gewalt und Krieg und hin zu Gerechtigkeit und Versöhnung. Dieser Besuch nimmt sicherlich einiges von der Katharsis vorweg, die die künftige Wahrheitskommission für viele Menschen haben wird – das Aussprechen von Geschehenem zugunsten einer anderen, einer friedlichen Zukunft. So schließt sich der Kreis auf einer höheren Stufe als noch in Puerto Berrío im Jahre 2006, als vieles nicht gesagt werden durfte aus berechtigter Angst, am nächsten Tag bedroht zu werden.

In Cartagena betonte der Papst die Verbindung von sozialer Gerechtigkeit und Frieden. Ganz bewusst gab er immer wieder jenen Menschen Raum, die normalerweise in Kolumbien nicht öffentlich sichtbar sind – Arme, Indigene, Afro-KolumbianerInnen oder Behinderte. Frieden ist keine Errungenschaft für eine Minderheit, wie er meinte. Das Ziel, die Vielen miteinzuschließen, wird wohl noch viele Jahre der Arbeit bedürfen.

Diese Jahre der Veränderung, der Rückschläge, der Fortschritte und der Höhepunkte, wie der eben dargelegten, sind notwendigerweise lebensprägend. Nicht oft hat man die Möglichkeit, ein Land und seine Menschen in so historischen Prozessen zu begleiten und mancherorts einen kleinen Beitrag leisten zu können. Ich hatte und habe dieses Glück.

 

Christian Wlaschütz studierte Politikwissenschaft an der Universität Wien und International Relations an der Syracuse University. Er ist professioneller Mediator, lehrt an verschiedenen Universitäten und publiziert zu internationalen Themen. Seit 2006 lebt und arbeitet er großteils in Kolumbien. Mit Finanzierung der Erzdiözese Wien und seit 2017 von Horizont 3000 berät er Konflikt- und Versöhnungsprozesse zivilgesellschaftlicher Organisationen.

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