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Was wir in der Corona-Krise tun. Teil 3: Ein persönlicher Langbericht von Susanne Kummer aus Guatemala (Partner: MIRIAM)


Jetzt sitzen wir alle, mein Sohn, meine Schwiegertochter und ich, schweigend am Mittagstisch und hören uns die Fortschritte über das Projekt an, das meine Partnerorganisation gemeinsam mit UN WOMAN und zwei weiteren Frauenorganisationen über transformierende Entschädigung für die Frauen von Sepur Zarco durchführt. Diese Gruppe von Maya Q’eq‘chi Frauen wurde während des bewaffneten Konfliktes von Soldaten sexuell ausgebeutet und versklavt, und in einem international beachteten Urteil wurden nicht nur die materiellen Täter, sondern auch der guatemaltekische Staat zu einer umfassenden individuellen und kollektiven Entschädigung der Opfer verurteilt. MIRIAM führt in diesem Projekt einen Kurs über „Mayakosmovision und Frauenrechte“ für die Frauen von Sepur Zarco durch, in dessen Rahmen es zu einem intergenerationellen Austausch zwischen ihnen, ihren Kindern, Enkelkindern und der Dorfgemeinde kommen soll.

Man hört manchen der Rednerinnen an, dass sie gerade mittagessen und auch ich schrecke von meinen Gnocchi al Pesto auf, als ich gemeinsam mit einer Arbeitskollegin erklären soll, wie wir den Ausbildungsprozess weiterführen wollen, wenn es höchstwahrscheinlich nicht möglich sein wird, unter Wahrung aller Sicherheitsbestimmungen in diese weit entlegene Gegend von Alta Verapaz zu fahren und dort Workshops abzuhalten. Unter den kritischen Blicken der Jugend am Mittagstisch erkläre ich unser Konzept, dass wir auf Grundlage des Schulungsheftes, das wir gerade ausarbeiten, Podcasts auf Maya Q’eq‘chi aufnehmen möchten, die dann über das Dorfradio ausgestrahlt werden können. UN WOMAN gefällt die Idee, möchte aber auch ein Video auf Spanisch, um ein größeres nationales und internationales Publikum zu erreichen und es wird vereinbart unter Berückschtigung des Budgets die Projektmaßnahmen umzuplanen. Aber, wann ist der Abgabetermin? Gibt es aufgrund der COVIDkrise eine Verlängerung der Projektlaufzeit? Nein, bis Ende Juni, soll so wie ursprünglich geplant, alles abgeschlossen sein. Ich muss innerlich lachen und an meine Chefs bei HORIZONT3000 denken, die wir seit Jahren mit Aktionen in letzter Sekunde und Ansuchen auf Fristverlängerungen plagen, als ich die Stimme meiner Kollegin höre, die gleich präventiv eine Verzögerung rausverhandeln versucht … was auch gelingt. Ende Juni soll die Rohversion der Podcasts und des Videos abgegeben sein, ein Monat danach die Endversion.

Kurz vor dem Mittagessen/Sitzung war ich noch in einem Teamtreffen mit den Kolleginnen von MIRIAM am Zoom auf meinem Laptop in meinem Gartenbüro, während ich auf meinem Handy bereits in der Sitzung mit UN WOMEN eingeloggt war und mit einem Viertel Ohr aufgepasst habe, wann der Punkt für die MIRIAM Intervention kommt. Es ist unglaublich wie schnell man es heraus hat, wie man Technologie manipulieren kann. Oder manipuliert uns die Technologie, wenn wir uns so zwei oder dreiteilen? Denn während auch in diesem Treffen die Notfallmaßnahmen für die Projektdurchführung diskutiert wurden, kam aus der Küche der Hilfeschrei meines Sohnes, wie denn die richtige Konsistenz eines Erdäpfelteiges sei.

Wie immer man oder frau zu den neuen Technologien steht, ob nun Zoom uns abhört und die persönlichen Daten weiterverkauft, ob die Telefonfirmen uns alle mit den teuren Internetkosten schröpfen, für MIRIAM sind diese Technologien die einzige Art, die Frauen in dieser Krise weiterzubegleiten und die geplanten Projektaktivitäten so gut wie möglich aufrecht zu erhalten. MIRIAM ist in dieser Hinsicht privilegiert, denn als Organisation für Bildungsförderung hat ein Großteil der Zielgruppen Zugang zu Computern oder zumindest Smartphones, was die Voraussetzung für Online Kurse und Zoomtreffen sind. Anderen Organisationen, wurden von den Geberorganisationen die Mittel eingeforen, die Mitarbeiterschaft von der Arbeit suspendiert und in die sehr ungewisse, nur für diese Coronakrise geschaffene notdürftige Arbeitslose geschickt, in der sie vielleicht kappe 280 Euro Notunterstützung für maximal 3 Monate bekommen werden.

Ich bin kein Technologiefreak, aber offen für alles Neue, und so ist es nun Teil meiner neuen Aufgaben, die verschiedenen Platfformen für Videokonferezen auszuprobieren, die Treffen zu programmieren und die Ausarbeitung der Konzepte für die Onlinekurse und der Notfallsmaßnahmen zu beraten. Alles wird auf Onlinemodus umgestellt: psychologische Therapie, Genderkurse, Nachhilfeunterricht, Diplomarbeitsbetreuung, Koordination mit anderen Organisationen, sogar die Pressekonferenzen. Außerdem schreibe ich über die Situation der Frauen von MIRIAM während der COVID Krise, koordiniere mit meinen Kolleginnen die Edition eines Kurzvideos mit ihren Zeugenberichten und nehme teil an den Sitzungen, in denen die Notfallsunterstützungen für die Frauen beschlossen werden.

Die Frauen, die von MIRIAM betreut werden sind einerseits Jugendliche Gewaltopfer, von denen viele in den Elendsvierteln rund um die Hauptstadt wohnen oder indigene Frauen vom Land, aus armen Familien, die mit der Unterstützung von MIRIAM Zugang zu Universitätsstudien bekommen und als Promotorinnen zur Gewaltprävention ausgebildet werden. Die meisten dieser Frauen, die auch unter „normalen“ Umständen kaum das Lebensnotwenige haben, verloren nun ihre Arbeit und wissen nicht wie sie das Essen kaufen, die Miete zahlen oder die Stromrechnung bezahlen sollen. Die für guatemaltekischen Standard großzügigen Sozialprogamme, im Ausmaß von einem Sechstel des Gesamtbudgets, wurden bereits vor über einem Monat beschlossen, aber bis jetzt hat keine einzige Frau in MIRIAM einen Cent vom Staat bekommen. Viele befürchten, dass diese Programme mehr der Korruption dienen werden als der bedürftigen Bevölkerung.

Hinzu kommt die Sorge um Angehörige, die trotz Risiko und strengen Ausgangsbeschränkungen am Markt versuchen lokale Produkte zu verkaufen und weiterhin aufs Maisfeld gehen. Eine große Herausforderung ist auch der virtuelle Unterricht an den Universitäten, für die viele der Studentinnen nicht gewappnet sind, denn viele haben keinen eigenen Computer, teilen den Computer mit Geschwistern oder anderen Verwandten oder gehen ansonsten in Internetcafes, um ihre Hausaufgaben zu machen. Auch der Internetzugang ist extrem schwierig und teuer, und in vielen Gemeinden ist der Empfang so schlecht, dass sie sich schwer tun dem Unterricht zu folgen. Eine Universitätstudentin hat bereits aufgegeben und eine andere steht kurz davor. Sie traf es besonders schwer, denn nachdem sie ihre Arbeit verlor, zog sie von ihrem Studienort in ihr Heimatdorf zurück, wo sie unter so strenge Quarantäne gesetzt wurde, dass sie überhaupt nicht aus dem Haus durfte und auch ihrer Mutter, die Bäckerin ist, wurde der Verkauf von Brot für über 3 Wochen untersagt. Und das, obwohl sie weder infiziert, noch aus einer Gegend kam, wo es Infektionen gegeben hätte.

Foto: Lebensmittel, die mit der Notfallsunterstützung für eine Schülerin von MIRIAM gekauft wurden

HORIZONT3000 hat nun einen Notfallsplan für MIRIAM Guatemala authorisiert, in dessen Rahmen durch Umwidmung der Mittel Ernährungskits, Medizin- und Kommunikationskits finanziert werden, die ab nächster Woche ausbezahlt werden. Auch bei anderen Projektpartnern wird derzeit um Genehmigungen für Sonderunterstützungen angesucht. Durch Spenden der guatemaltekischen MIRIAM-Absolventinnen, dem Notfallsfond des guatemaltekischen Vorstandes und einer Spende von MIRIAM Österreich, haben bereits 45 Frauen eine bis jetzt einmalige Notunterstützung bekommen. Der logistische Aufwand ist dabei sehr schwierig zu bewältigen. Die MIRIAM-Büros in der Hauptstadt und in Quetzaltenango sind geschlossen, der öffentliche Verkehr ist seit fast sieben Wochen eingestellt und alle Mitarbeiterinnen sind auf Telearbeit. Duch die Mobilitätsbeschränkungen zwischen den Departamentos können die beiden Buchhalterinnen, die außerhalb der Hauptstadt leben, auch mit dem Auto nicht in das Büro kommen. Sie vernetzen ihre Heimcomputer mit dem Buchhaltungscomputer im Büro und stellen so die Schecks aus. Viele der MIRIAM-Frauen mussten erst ein Konto eröffnen oder sonst wird das Geld telegraphisch angewiesen. 

Foto: Auszahlung aus dem Notfallsfonds der Mitarbeiter von HORIZONT3000

Bei meiner sonstigen Arbeit hat sich nicht viel geändert. Ich schreibe weiter Berichte, begleite die Ausarbeitung von Projektanträgen, überarbeite die Strategie zur Gewaltprävention, die MIRIAM im Netzwerk der Promotorinnen für ein Leben der Frauen ohne Gewalt umsetzen möchte, berate die Kampagne für die Öffentlichkeitsarbeit des Netzwerkes und die Ausarbeitung des Schulungsheftes für „Mayakosmovison und Frauenrechte“. Der einzige, aber große Unterschied ist, dass ich nun in der früh, nicht allzu früh, meine Laptoptasche einpacke und in mein Büro in die Gartenlaube gehe, wo ich dann allerdings bis 9 oder 10 am Abend bleibe, wenn mich die Moskitos nicht vorher zum Aufgeben zwingen.

Anfangs war alles ruhig und es hat lange, lange gebraucht, bis der Virus nicht zur physisch, sondern auch mental in Guatemala gelandet ist. Während in Italien die Menschen bereits zu Hunderten starben, gab es „Business as usual“ in Guatemala. Noch am Tag als die Schließungen der Schulen verkündigt und Großversammlungen bereits auf 150 Teilnehmer beschränkt wurden, organisierten wir ein Cineforum in Totonicapan mit 130 SchülerInnen (weil, was nicht verboten ist, ist erlaubt) und am Sonntag führten wir noch die Generalversammlung mit fast 100 Frauen durch. Am Tag darauf, am 16. März wurden die Grenzen dicht gemacht, begannen die rigorosen Quarantänebestimmungen, und wir erfuhren offiziell, dass das, was wir gerade gemacht hatten und vieles mehr, strengstens verboten ist. Wie auch überall anders begann dann der „Run“ auf Lebensmittel, Masken und Desinfektionsmittel, es begannen aber auch die Überlegungen, ob ich mit meinem Sohn hier bleiben oder nach Österreich zurückkehren soll.

Zuerst gab es überhaupt keine Rückkehrmöglichkeit, aber mit den Repatriierungsflügen der österreichischen Regierung und der Entscheidung von drei Arbeitskolleginnen, mehreren österreichischen und europäischen VolontärInnen in anderen Projekten und vorallem einer langjährigen, fest in Zentralamerika verankerten österrreichischen Mitarbeiterin in MIRAM, diese auch in Anspruch zu nehmen, wurde die Rückkehrfrage auch für mich akut. Ich habe viel mit anderen ÖsterreicherInnen telefoniert und nachgefragt, was sie tun würden und als eine Arbeitskollegin meinte, dass sie bleiben würde, weil in Österreich ihre Wohnsituation sehr bedrängt sein würde, habe ich zuerst hinterfragt, ob es richtig ist, die „Bequemlichkeit“ über die „Sicherheit“ zu stellen. Heute bin ich froh, dass auch mich entschieden habe, hier zu bleiben, wo ich adequate Konditionen habe, diese schwierige Zeit zu verbringen und wo ich auch eine Aufgabe zu erfüllen habe. Seit Ende letzten Jahres teilen wir das Haus mit einer Compañera von MIRIAM und ihren vier Kindern. Trotz unserer Quarantäne zu neunt fühlen wir uns nicht eingeschlossen. Vor allem, seit wir begonnen haben einen Gemüsegarten anzulegen, gemeinsam Mais zu kochen und Tortillas zu machen, uns gesünder zu ernähren, Gemüse von den Bauern zu kaufen, bekam die COVID-Krise, eine neue zukunftsweisende Perspektive, die auch in MIRIAM spüre.

Letzte Woche konnte ich in meiner neuen Funktion als technische Betreuerin von Videokonferenzen ein offenesTreffen im Rahmen des Netzwerks der Absolventinnen von MIRIAM, das ich letztes Jahr geholfen habe mitaufzubauen, betreuen, zu dem auch alle derzeitigen Studentinnen und das Team eingeladen war. 33 Frauen (15 weitere schafften es nicht sich einzuloggen) tauschten sich zwei Stunden aus, wie es ihnen während dieser COVID-Krise geht und es war ein eindeutiges Zusammenrücken verspürbar. Es wurden interne Treffen zur emotionalen Begleitung, Videoforen zu Frauenrechten, Preisvergaben für besondere Initativen für Frauenrechte geplant, und vieles mehr. Es gibt einen starken Enthusiasmus noch mehr für strukturelle Veränderungen zu arbeiten, denn niemand will zur Normalität zurück, die als eigentliche Krise aufgefasst wird. Dieser Weg wird natürlich nicht einfach sein, aber ich vertraue darauf, dass der Coronovirus uns gelehrt hat, uns auf das Eigentliche zu besinnen, auf die Familie, die Freunde, die Compañeras deiner Organisation, wir haben haben wiedermal gemerkt wie wichtig Solidarität und sozialer Zusammenhalt ist, und vor allem verspüren wir in unseren Körpern, in unseren eigenen Leben, wie wichtig es ist Produktions- und Lebensformen zu entwickeln, die unsere „Madre Tierra“ schützen.

Gestern bei der Online-Teamsitzung, wurde auch ein besonderes Hilfeansuchen besprochen. Eine Studentin von MIRIAM ohne Arbeit, erbat in einem Teil vom Garten im MIRIAM-Büro in Quetzaltenango, Gemüse zum Verkauf anzubauen. Das Ansuchen wurde genehmigt unter der Auflage, auch ein Müllrecyclingsystem und einen Komposthaufen zu organisieren.

PS: Und den ganzen Tag über sagte mir niemand, dass ich meine Bluse verkehrt angehabt habe, was ihr aber auf den Fotos nicht sehen könnt. 🙂

https://youtu.be/CiYqowzUUCM, Link zum Video über die Situation der MIRIAM Frauen

https://www.facebook.com/100003308566278/posts/2894118947375029/?d=n, Motivationsnachricht an die MIRIAM Frauen – Mit der Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen

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