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Carina Putz „meri blo bush“


Carina war die letzten zwei Jahre in Bougainville, Papua Neuguinea, auf Personaleinsatz, als Beraterin der Catholic Education Agency in Buka. Kurz nach ihrer Rückkehr war sie im Wiener Büro und hat uns von ihren Erlebnissen erzählt.

Seit wann bist Du wieder da?

Seit zwei Wochen, aber man muss dazu sagen, ich habe ein Monat Urlaub in Neuseeland eingeschoben.

Warst Du vorher schon einmal in Neuseeland?

Nein – Neuseeland war ganz neu für mich. Ich war ein paar Mal in Australien; aufgrund der Nähe zu Papua Neuguinea habe ich Arzttermine oder Urlaube in Australien gemacht. Es gibt so viel in der Region! Zumindest einen Eindruck habe ich davon bekommen.

Wie geht’s Dir jetzt nach dem Zurückkommen? Hast du einen Kulturschock?

Ich habe jetzt nach zwei Wochen endlich langsam den Jetlag überwunden. Ich halte es für ein Gerücht, dass der Jetlag in die andere Richtung schlimmer ist. Abgesehen davon, ist es insgesamt eine große Umstellung: vor allem die Temperatur, von den Tropen in den österreichischen Winter mit den wenigen Sonnenstunden. Es ist herausfordernd das Zurückkommen.

Hast Du schon Pläne für die nahe Zukunft in Österreich?

Der nahe Zukunftsplan ist wieder mal in meine Wohnung einzuziehen, wieder Fuß fassen. Ich habe am Wochenende meine Welcome Back Party auf einer Hütte im Schnee verbracht; also jetzt einmal ein bisserl den Winter genießen.
Ich möchte gerne weiterhin in der Entwicklungszusammenarbeit oder mit internationalen NGOs arbeiten – da bin ich jetzt dran.

Könntest Du dir auch vorstellen, gleich wieder auf Einsatz zu gehen?

Wenn ich jetzt sage: gleich wieder auf ein Einsatz zu gehen – und das liest dann die Mama (lacht)! Ich kann mir schon vorstellen wieder ins Ausland zu gehen, aber jetzt kurz- und mittelfristig bin ich schon froh wieder in Österreich zu sein. Aber: Sag‘ niemals nie.

Haben Dich während der zwei Jahre in PNG Freunde besucht?

Ja, mit einem Freund habe ich eine Rundreise durch PNG gemacht und die einmalige Gelegenheit genutzt auch andere Orte in PNG zu besuchen. Auf Sepik haben wir eine Flussrundfahrt gemacht, wir waren für mehrere Tage unterwegs, dann waren wir Radfahren auf New Island, in Rabaul haben wir den Vulkan bestiegen – solche G’schichten.

Nach der Rundfahrt: warst Du zufrieden in Bougainville zu arbeiten, oder hast Dir gedacht: hach, warum nicht Rabaul?

Ich muss sagen, ich habe es mit Bougainville und Buka sehr gut erwischt. PNG ist an allen Ecken und Enden sehr unterschiedlich; man kann das Hochland schwer mit den Inseln vergleichen, aber ich persönlich habe mich sehr wohl gefühlt in Bougainville: ich habe dort als Frau die Möglichkeit gehabt mich relativ frei zu bewegen, konnte alleine laufen gehen. Natürlich alles mit common sense: man weiß, wo man nicht hingeht, man läuft nicht auf irgendwelchen kleinen verlassenen Wegen, sondern eher auf der sogenannten Hauptstraße.

Was sind die Dinge, die man eher nicht machen kann als Frau alleine in Bougainville?

Wenn es dunkel ist rausgehen: es gibt keine Straßenbeleuchtung, es ist wirklich dunkel –  vor allem wenn man sich noch nicht so gut auskennt. Wir haben dort eine Pizzeria ganz in der Nähe – das ist schon gegangen. Es gibt ja auch in Wien Ecken, wo ich als Frau nicht alleine in der Nacht unterwegs bin. Gerade in Buka würde ich nicht sagen, dass es besonders gefährlich war. Das würde ich nicht aufbauschen wollen.
In Lae z.B. war ich als Flying TA im Einsatz: dort bin ich mit einem Guard Dog abgeholt waren, das ist ein fahrender Käfig. Das ist eine Security Firma die dich am Flughafen abholt und dann zum Compound bringt. Das sind dann schon andere Umstände als in Buka. Man kann wahrscheinlich sagen, dass Bougainville in PNG am sichersten ist.

Wie war Dein Kontakt zu Einheimischen, hast du Freundschaften aufbauen können?

Ja, ich habe einige sehr nette Kontakte pflegen können und ganz besonders gut habe ich mich mit meiner lokalen Kollegin Bianca, die mit mir im Büro gesessen ist verstanden. Mein Team bestand aus sieben Leuten und Bianca war die Office Managerin  – Admin Officer – sie war im gleichen Alter wie ich, mit ihr habe ich mich sehr gut verstanden. Ich war auch bei ihr zu Kindergeburtstagsfeiern eingeladen und wir haben auch gemeinsam Rugby oder Football im Fernsehen angeschaut. Das war sehr nett.

Wie lange hast Du gebraucht, um Dich einzuleben?

Also ich würde sagen: lange. Mein Tätigkeitsfeld war bei mir anfangs nicht hundertprozentig klar definiert. Das heißt, es hat schon eine Zeit gebraucht, bis ich herausgefunden habe: was braucht der Counterpart, was brauchen die Kollegen.

Mit welcher Vorerfahrung bist Du in den Einsatz gegangen und in welchen Bereichen hast Du vor Ort gearbeitet?

Vom Grundberuf bin ich Kindergarten-Pädagogin und habe zusätzlich Projektmanagement als Master studiert an der FH Bfi Wien. Ich habe dann im Bereich Bildung gearbeitet; habe aber auch sehr viel mit Projektmanagement zu tun gehabt.
Vor Ort gab es viel Bedarf bei den Themen Office Management, Organisation, Prozesse und ein ganz großes Thema von mir war Early Childhood. Wir haben an einer Policy geschrieben – ich mit meiner lokalen Kollegin Dolores Rumina. Es ist darum gegangen die Parameter des Programms festzusetzen.

Als Du angekommen bist: wie war der Empfang?

Alle wussten dass ich komme. Ich bin in eine Wohnung eingezogen und sogar im Kühlschrank waren schon Butter, Brot und Eier. Meine KollegInnen haben mir den Start wirklich einfach gemacht. Ich hatte das Glück während des Incountry Trainings ein bisschen herumfahren zu können. Wir hatten auch einen Sprachkurs,  also das hat schon wirklich gut funktioniert.

Hat es in Deinem Projekt vorher schon TAs gegeben?

Nein, das war eigentlich neu. Mit der Partnerorganisation Catholic Education Agency hat HORIZONT3000 vor Jahren schon zusammengearbeitet, aber direkt vor mir war ein Loch. Mein Aufgabengereich war dann ein anderer. Man muss dazu sagen, dass das gesamte Team in der Catholic Education Agency gewechselt hatte. Für alle außer für Ephraim Samuel, mein Counterpart, war es neu mit einem Expat zusammenzuarbeiten.

Es haben mich alle schnell als Teil des Teams wahrgenommen – was manchmal auch herausfordernd ist, weil man ja als Beraterin vor Ort ist, und dann manchmal Bürokraft ist, aber es ist natürlich sehr schön wenn man als Teil des Teams gesehen wird und wenn man das bei gemeinsamen Schulbesuchen dann richtig spürt, man wird gleich, oder zumindest ähnlich behandelt.

Kannst Du uns von einem besonderen Erlebnis als TA erzählen?

Ich war mit meinem Team im Distrikt Toro Kina auf Schulbesuchen. Das ist eine sehr abgelegene Region in Bougainville. Wir haben viel Geld und Zeit investiert dort Schulbesuche zu organisieren; und abgesehen davon, dass man dort mit einem kleinen Boot hinfährt muss man auch sehr lange wandern um von einer Schule zur anderen zu kommen. Ich war mit drei männlichen Kollegen unterwegs und wir hatten zwei männliche Skipper – also ich, als junge Frau mit fünf local Männern. Das war ein ganz besonderes Erlebnis, weil wir die ganze Zeit gemeinsam verbracht haben, Stunden zu Schulen gewandert sind; wir hatten einen Tag an dem wir 10 Stunden durch den Dschungel in PNG gegangen sind – das schweißt ganz besonders zusammen.

Einmal sind wir einen Fluss hinauf gefahren in dessen Flussbett immer wieder Bäume den Weg versperrt haben. An einer Stelle mussten wir schließlich unser Boot hinüber tragen; da haben mich die Männer zur Seite auf einen Baumstamm gestellt und haben das Boot rüber getragen. Der Fluss war voller Krokodile, sie haben mich dann so richtig platziert und ich war die Fotografin. Das sind schon ganz spezielle Erfahrungen: bei Nacht durch den Dschungel wandern, teilweise ohne Taschenlampe; wir hatten einen local guide, der uns den Weg gezeigt hat, der immer wieder plötzlich los gerannt ist und wir hinten nach, sehr abenteuerlich.

Wir kamen dann in ein sehr abgelegenes Dorf, wo die „elders“ – ältere Männer – beisammen saßen und sich Geschichten erzählten. Ich habe mich dazugestellt und auf Pidgin mit ihnen geplaudert. Das war so schön, weil nach einer halben Stunde Gespräch sagt dann der eine zu mir, dass er das nicht glauben konnte, wie er mich gesehen hat, dass ich als weiße Frau da durch den Busch wandere – ich komme nicht mit dem Helikopter, sondern ich komme zu Fuß und dann trage ich auch noch meinen eigenen Rucksack! Das war für sie ein richtiges Aha-Erlebnis: die junge weiße Frau kommt da. Sie haben bis dahin was ganz anderes mit Expats verbunden.

In diesem Dorf hat mir eine alte Frau auch den Namen meri blo bush gegeben: meri heißt Frau, blo heißt belong, also „die Frau die zum Busch gehört“. Das war für mich so eine Bestärkung „Du schaffst das, du kannst stundenlang durch den Busch wandern, jammerst nicht und trägst auch dein eigenes Gepäck.“ Meine Kollegen, kann man sagen sind schon etwas Wohlstands verwöhnt, mit kleinem Bauch – die haben schon etwas gestöhnt und geschnauft – und als die Frau das dann zu mir gesagt hat, das war eines der schönsten Komplimente! Gerade in Bougainville ist Natur und Busch ganz wichtig für die Einwohner: das Land hat einen ganz besonderen Stellenwert, spirituell aber auch vor allem wirtschaftlich. Sie sind sich dessen bewusst, dass Besitz ganz viel bedeutet; das eigene Land zu haben ist ganz viel wert, schließlich leben sie ja vom Land.

Später an dem Tag wurde dann auch noch ein Krokodil gefangen, das mit uns im Boot transportiert wurde; sie waren sich nicht ganz sicher, aber es war wahrscheinlich schon tot zu dem Zeitpunkt (siehe Fotos).

Wie schmeckt Krokodil?

Nach nix. Es ist ein ganz helles Fleisch. Ich habe das komplett ungewürzt zum Kosten bekommen, dadurch war es total geschmacksneutral. Sie kochen das in Blättern ohne Salz.

 

Was waren im Rückblick die großen Herausforderungen für Dich im Einsatz?

Einsamkeit, gerade am Anfang. Man muss sich vorstellen, man fängt absolut bei Null an. Man hat keine Ahnung was einen erwartet und man kennt auch keinen Menschen. Ich hatte das Glück, dass ich zwei TAs Johannes und Elisabeth im Vorbereitungskurs kennengelernt habe. Die haben allerdings ca. 4 Autostunden entfernt gewohnt. Ich bin angekommen, habe niemanden gekannt und niemand hat mich gekannt. Natürlich braucht das seine Zeit bis man tiefere soziale Verbindungen aufbauen kann.

Wie lange hat das gedauert?

Fast ein dreiviertel Jahr.

Gibt es eine Expat Szene in Bougainville? So in dem Sinne, man geht in eine Bar und trifft dann jemanden zum Reden?

(lacht) also das mit der Bar war schwierig – wobei zum Schluss gab es sogar eine Disko. Es gibt eine Expat Szene, ich hatte viel Kontakt zu Australiern und Neuseeländern. Wobei das zu Anfang die größte Herausforderung für mich war. Ich habe mich zu den Menschen aus PNG kulturell näher gefühlt, als zu den übrigen Expats.

Was war noch ungewohnt?

Eine weitere große Herausforderung war das Tempo; Geduld haben! Dieses Arbeitstempo! Das muss man erst verstehen: wenn man mit Druck agiert ist die Reaktion: ich erscheine nicht mehr in der Arbeit, ich bin dann einfach nicht mehr verfügbar für dich. Mit Druck geht also gar nichts. Dass einmal zu lernen ist wichtig. Wir in der westlichen Welt sind tendenziell eher Druck, Druck, mehr Leistung, man glaubt man ist unersetzlich in der Arbeit, schleppt sich auch einmal krank hin.
In PNG ist es normal, wenn z.B. ein Todesfall in der Familie passiert, kommen MitarbeiterInnen einfach ein paar Tage oder Wochen nicht zur Arbeit. Die Arbeitseinstellung ist einfach eine ganz andere; das ist ein Lernprozess, wenn man z.B. gewohnt ist auf Emails gleich eine Antwort zu bekommen. In PNG muss man manche Dinge einfach aussitzen. Es passiert dann wenn es passieren soll.

Und: Stromausfälle! (lacht) das passiert oft und auch mitunter lange. Vor meiner Ausreise hatten wir eine ganze Woche keinen Strom. Da werden Freunde, die einen Generator haben besonders wichtig.

Was gibst Du zukünftigen TAs mit auf den Weg?

Weniger einpacken!

Was sind die unnötigsten Dinge die Du mitgenommen hast?

Ich bin eh nur mit 30kg ausgereist; aber unnötig war ein warmer Kuschelpullover: der ist zwei Jahre in PNG gehangen und meine Hauptaufgabe war, dafür zu sorgen, dass dieser Pullover nicht zu schimmeln beginnt wegen der hohen Luftfeuchtigkeit. Auch Ledergürtel z.B. funktionieren nicht gut auf PNG, die beginnen auch zu schimmeln.

Was nimmst Du mit aus Deiner Zeit in PNG nach Österreich mit?

Für mich ist die wichtigste Erkenntnis: Menschen sind alle gleich. Obwohl in PNG auf den ersten Blick alles so anders ist, lernt man sich kennen und kommt drauf: unter diesen ganzen Schichten an kulturellen Unterschieden sind wir alle gleich. Es kommt nur anders zum Ausdruck, weil wir unterschiedlich aufgewachsen und sozialisiert sind. Das war für mich so schön zu sehen, dass auf dieser Ebene immer Verstehen und Kontakt möglich ist.

Auch sehr beeindruckend war die Erfahrung immer die einzige weiße Frau zu sein, die Minderheit. Im Umkehrschluss dann der Gedanke: wie ist es für farbige Menschen in Österreich? Wobei der Unterschied natürlich ist: ich war dort eine besondere Minderheit, ich wurde mit positiven Vorurteilen überschüttet, nur weil ich weiß war. Meine innere Reaktion war ‚das habe ich doch gar nicht verdient!“ Wie muss es dann erst sein, wenn man als dunkelhäutiger Mensch mit all den negativen Vorverurteilungen konfrontiert wird, die in westlichen Ländern den Mainstream beherrschen?

 

Danke für das Interview!

 

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