von

Coronabedingt zurück vom Einsatz: Lisa Hochfellner (SLV)


Das foto de projecto zeigt eine Gruppe von Jugendlichen mit Behinderung der Finca Inclusiva „Las Margaritas“, einem Agrarökologie-Projekt von FUNDESYRAM und der Sonderpädagogischen Schule Ahuachapan. Die Jugendlichen bauen auf diesem Bio-Bauernhof ihr eigenes Gemüse und Obst an und lernen auf inklusive Weise (u.a. Gebärdensprache) über landwirtschaftliche Praktiken und Weiterverarbeitung der Produkte. Von links nach rechts: Dinora (Mutter), Gabriel, Lisa, Erick und Jackeline

Corona machte auch deinem Einsatz einen Strich durch die Rechnung. Du musstest vorzeitig zurück, eine Rückkehr war nicht mehr möglich. Wie fühlst du dich damit?
Lisa: Wenn man von einem Tag auf den anderen sein Zuhause verlässt, dann bleibt nicht viel Zeit sich von Freund*innen, Nachbarn und Kolleg*innen zu verabschieden. Deshalb habe ich eigentlich bis zur letzten Woche noch darauf gehofft, dass der verflixte Flughafen in El Salvador doch noch geöffnet wird. Jedoch gibt es Dinge, die nicht in unserer Hand liegen, und dann gilt es, auch das anzunehmen. Ich glaube, das Jahr 2020 hat uns alle kalt erwischt, aber nach diesen langen Monaten der Ungewissheit freue mich jetzt auch darauf, nach vorne zu schauen.

War dein Zeit im Einsatz so, wie du dir die Sache davor vorgestellt hast?
Lisa: Wie heißt es so schön? Es kommt meistens anders als man denkt, und das ist auch gut so. Denn sonst wäre so ein Einsatz nicht so wertvoll. So eine Erfahrung kann man eben nicht googeln oder sich in einer Doku anschauen, und da muss man flexibel sein und improvisieren können. Die Jugendarbeit in El Salvador beispielsweise unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von der Arbeit mit Jugendlichen, die ich von Österreich aus kenne. Und genau dann macht ein Austausch sehr viel Sinn. Ich fand es sehr spannend, einen tiefen Einblick in die Herausforderungen, Arbeit und den Alltag einer lokalen Organisation zu erhalten, habe viel gelernt und bin sehr dankbar für diese bereichernde Zeit.

Was bleibt von deiner Arbeit vor Ort übrig?
Lisa: Da ich als Feministin nicht nur beruflich, sondern auch privat für Geschlechtergleichstellung brenne, habe ich versucht in meiner Partnerorganisation das Bewusstsein für Themen wie Gewalt gegen Frauen und patriarchale Strukturen zu festigen. Ich hoffe, dass das Streben nach Gewaltfreiheit und Geschlechtergerechtigkeit weiterhin ein wichtiger Bestandteil ihrer Programme bleibt. Was mich außerdem freut, ist, dass jetzt auch vermehrt Menschen mit Behinderungen in den Projekten teilnehmen – das ist etwas, das mir sehr am Herzen lag.

Deine größte Herausforderungen, Hindernisse, Probleme?
Lisa: Der Machismo und das vorsichtige Aufbrechen von traditionellen Geschlechterrollen verlangten so viel Geduld und gefühlvolles Herantasten. Und unglaublich viel Zeit. Zeit, die man nicht hat, weil gleichzeitig die Gewalt an Frauen in El Salvador jede Minute präsent ist. Im 100 000 EW Vergleich verzeichnet El Salvador die meisten Feminizide in ganz Lateinamerika und bei einer Abtreibung kann einer Frau bis zu 30 Jahren Freiheitsentzug blühen. Wenn man dann sieht wie langsam die Gendergleichstellung vorankommt, dann fühlt man sich manchmal sehr machtlos. Deshalb muss das auch Teil eines jeden Projektes sein: Gender muss Mainstream werden. Zudem hatte ich auch einige Schwierigkeiten, den vorherrschenden Partidarismo in Zentralamerika einzuordnen. Manche NGOs sind mit politischen Parteien verknüpft und einige Menschen sind Mitglied einer Partei und vermischen das leider sehr schnell mit ihren anderen gesellschaftlichen Rollen. Man muss wirklich kritisch sein und aufpassen, mit wem man zusammenarbeitet oder an welcher Veranstaltung man teilnimmt, weil man dann sehr schnell in eine politische Ecke gedrängt werden kann.

Was hat dich am meisten persönlich bewegt?
Lisa: Das Feuer und die Leidenschaft von Menschenrechtsverteidiger*innen und Agrarökolog*innen in El Salvador, die freiwillig und oft ohne finanzielle Mittel für Biodiversität, den Zugang zu Wasser, natürlichen Ressourcen und für Soziale Gerechtigkeit kämpfen – und dabei manchmal sogar ihr Leben aufs Spiel setzen. Lateinamerika bleibt traurigerweise die gefährlichste Region der Welt für Menschenrechtsverteidiger*innen. 2019 wurden fast 70% aller Morde an Human Rights Defender in diesem Teil der Erde verübt.

Was nimmst du als Lernerfahrung mit nach Hause?
Lisa: Ich habe sehr viel über Agrarökologie und die Herausforderungen der Globalisierung und des Klimawandels für Bauern und Bäuerinnen gelernt. Das prägt auch mein Konsumverhalten in Österreich. Ich versuche bewusster einzukaufen und darauf zu achten, wie und wo etwas produziert wird. Und am besten schmeckts natürlich, wenn man selbst anbaut und mit allen Sinnen die Natur und Pacha Mama erleben kann. Dieses Bewusstsein, dass wir Menschen nicht Beherrscher, sondern ein Teil dieses natürlichen Kreislaufs sind, ist etwas Essentielles in vielen indigenen Kulturen in El Salvador. Damit der Kreislauf funktioniert, müssen wir auf das Wohlergehen aller achten: Insekten und Tiere, Pflanzen und Bäume, Wasser und Böden und uns Menschen.

Was machst du als nächstes?
Lisa: Wir müssen noch unser Auto in El Salvador verkaufen und uns hier in Europa eine Bleibe suchen. Mein Partner ist Niederländer, und ich bin Österreicherin – wohin es dann wirklich geht, müssen wir uns noch ausschnapsen 😊

Was gibst du neuen Ausreisenden als Ratschlag mit auf den Weg?
Lisa: Viel fragen, gut zuhören, und nicht alles gleich auf die Waagschale legen. Es dauert manchmal etwas, bis man versteht, warum manche Dinge so laufen wie sie laufen. Und den Humor nicht vergessen.


Über Lisa Hochfellner
Die gebürtige Steirerin ist Sozialarbeiterin und Ergotherapeutin und hat sich schon sehr früh immer wieder in Zentralamerika engagiert. Sie ist Obfrau für einen Verein zur Unterstützung von Menschen mit Behinderungen in Lateinamerika und hat 2014/15 in einem MultiplikatorInnen-Projekt an der Atlantikküste von Nicaragua gearbeitet.

Partnerorganisation
FUNDESYRAM ist eine salvadorianische, apolitische und gemeinnützige Organisation, die sich für sozioökonomische Entwicklung und Umweltschutz einsetzt. Die NGO trägt auf ganzheitliche und partizipative Weise zur Verbesserung des Lebensstandards der Bevölkerung El Salvadors bei, indem sie biolandwirtschaftliche, soziale und wirtschaftliche Bildungs- und Umweltprojekte mit Gender-Fokus im gesamten Land umsetzt. Der Hauptfokus liegt in der Förderung einer nachhaltigen Bio-Landwirtschaft ohne Einsatz von Agrotoxinen.

Ziel des Personaleinsatzes
Die Partizipation von Frauen und Jugendlichen in El Salvador soll gestärkt werden, insbesondere in den ländlichen Gebieten. Außerdem sollen die Jugend- und Frauengruppen nachhaltig in den Entwicklungsprozessen und Eisatzbereichen der Partnerorganisation FUNDESYRAM integriert werden.

Mitgliedsorganisationen