von

Coronabedingt zurück vom Einsatz: Regine Gaber und Rainer Kasik (PNG)


Wie war euer Zurückkommen? Hattet ihr den berühmten Reverse culture shock?

Regine: Ich war überrascht, wie schnell einem wieder alles vertraut ist. Ich hatte mir das Zurückkommen schlimmer vorgestellt. Zu Beginn ist man noch vom überbordenden Angebot in den Geschäften und den vielen Leuten auf der Straße, aber man gewöhnt sich sehr schnell wieder daran und plötzlich ist Kiunga sehr weit weg.

Rainer: Das Zurückkommen ist eigentlich schneller gegangen, als einem lieb ist. Alles hier in Österreich ist einem vertraut und es kommen einem die zwei Jahre PNG plötzlich so unwirklich vor, fast wie ein Traum aus dem man plötzlich geweckt wurde. Man ist wieder sehr schnell zurück in der Konsum- und Überflussgesellschaft, wo ich mir die Frage stelle, ob das wirklich alles notwendig ist. Was mich daran wirklich stört, ist, dass es entweder fast niemanden bewusst ist oder es von fast allen verdrängt wird, dass für diesen Überfluss jemand einen Preis bezahlen muss.

Haben sich eure Erwartungen, die ihr vor dem Einsatz hattet, erfüllt?

Rainer: Es war jedenfalls anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Denn PNG ist ein für unsere Vorstellungen „exotisches“ Land, das sich sehr von unserem unterscheidet. Da waren fast alle Bilder, die man im Kopf hat, falsch. Das kann man an Kleinigkeiten festhalten. Ich hatte einige Dinge mitgenommen, von denen ich dachte, dass es sie nicht geben würde. Ein 30-Meter-Maßband zum Beispiel. Vor Ort sah ich dann, dass es jeder der fünf Baumärkte in Kiunga hatte.

Regine: Ich bin ja ein Jahr nach Rainer gekommen und hatte schon einiges von ihm erfahren, aber es war dann doch alles anders als in meiner Vorstellung davor. Schön war jedenfalls, dass wir uns in Kiunga frei bewegen konnten, weil es im Gegensatz zu anderen Gegenden in PNG sicher war. Dadurch konnten wir gut mit den Menschen in Kontakt treten. Das hat mich positiv überrascht.

Mit welchen Herausforderungen hattet ihr im Einsatz zu kämpfen?

Regine: Hitze!

Rainer: Hohe Luftfeuchtigkeit. Black outs. Dann die Schwierigkeiten durch die Naturgegebenheiten, die für die Menschen hier herausfordernd sind – zum Beispiel, wenn der Wasserstand so niedrig ist, dann keine Transportschiffe mehr fahren können und dadurch die Güter knapp werden. Alles ist dann teurer – bis es wieder regnet und sich die Flüsse wieder füllen.

Regine: Die einzige Versorgungsmöglichkeit, neben dem teuren Transport per Flugzeug, gibt es auf dem Fluss.

Rainer: Überrascht waren wir, dass Internet hier fast überall verfügbar ist. Und mittlerweile auch schon in einer halbwegs guten Qualität. Was zu fast schon absurden Situationen führt. Einmal war ich in einem sehr abgelegenen Dorf, in dem alle BewohnerInnen SubsistenzbäuerInnen waren und von denen man daher auch kein Obst oder Gemüse kaufen kann, weil sie die Nahrung selbst brauchen. Da sitzt du dann in diesem Dorf und kannst kein frisches Obst und Gemüse konsumieren, aber es gibt eine 4G-Internetverbindung und man kann mit Familie und FreundInnen aus Österreich kommunizieren.

Regine: Für uns war es seltsam, dieses – in unseren Augen – Überspringen an Technologieschritten, wenn die Menschen noch am offenen Feuer kochen und gleichzeitig schon Smartphones benutzen. Die Anpassungsfähigkeit der Menschen in Papua Neuguinea ist  enorm. Die Geschwindigkeit des Wandels ist enorm. Der Vater von Rainers Counterpart zum Beispiel – war Krieger. Und der Sohn sitzt heute am Computer und zeichnet auf CAD-Programmen, benutzt ein Smartphone und hat einen Führerschein.

Wie hat sich Corona auf eure Einsätze ausgewirkt?

Rainer: Die unmittelbare Auswirkung ist, dass wir hier mit dir in Wien sitzen und nicht mehr in PNG sind. Dass das PNG-Programm abgebrochen und vorzeitig geschlossen wurde. Abgesehen davon ist es schwierig einzuschätzen, welche Tragweite Covid 19 für PNG hat. Die Zahlen sind niedrig, aber man kennt natürlich nicht die Dunkelziffer der Infektionen. Warum die Fallzahlen so niedrig sind, könnte drei Gründe haben. Erstens die junge Bevölkerungsstruktur – ich habe kaum Menschen über 60 Jahre kennengelernt. Zweitens, dass sich das Leben fast nur draußen abspielt – und auch die Häuser sind ja luftdurchlässig. Und drittens in der vergleichsweisen geringen Reisetätigkeit der Bevölkerung – sowohl innerhalb PNGs als auch international.

Regine: Wir hatten natürlich State of Emergency – unser Büro war für zwei Wochen geschlossen, da wir mit vielen LehrerInnen aus ruralen Gebieten zu tun hatten und die damit verbundene Reisetätigkeit vermieden werden sollte. Nach den zwei Wochen haben wir das Büro zwar wieder geöffnet, aber keine KlientInnen empfangen – das hat sich erstreckt bis zu meiner Abreise. Es gab da nur telefonische Beratung.

Was bleibt von eurem Einsatz auf beruflicher Ebene?

Rainer: In meinem Fall bleibt ein Counterpart, Sebastian, der gerade die Schule abgeschlossen hatte (und noch nie einen Computer bedient hatte), der aber so talentiert war, dass er mit Anleitung des Senior Officers und von mir nach drei Monaten einfache Pläne zeichnen konnte. Wie es mit ihm in der Diözese weitergeht, weiß ich nicht, aber ich denke, sie wollen ihn halten. Mein Plan fürs verbleibende Jahr wäre gewesen, für Sebastian noch eine weiterführende Ausbildung zu finden. Darüber hinaus bleibt eine Vielzahl an Projekten, die in der Planung fertig sind. Ich hätte gern mehr Realisierungen meiner Pläne gesehen, aber zwischen Planung und Umsetzung gibt es aufgrund finanzeller Mittel eine Verzögerung von ein bis zwei Jahren. So wurden vor allem Pläne meiner Vorgänger von mir umgesetzt.

Regine: Von meinem Jahr bleibt eine gemeinsam entwickelte Strategie für das School Management Programme, wie es sich selbst finanzieren kann – ohne internationale Abhängigkeit. Wie es umgesetzt wird, werden wir sehen – es ist jedenfalls für das Büro eine große Umstellung. Der plötzliche Abbruch war natürlich gar nicht optimal, da viel noch offen war und einige Änderungen noch nicht konsolidiert waren – aber ich habe jetzt von Wien aus noch einige Empfehlungen zu Strategiedetails geben können. Übrig bleibt auch eine neue Art von Training, das ich sehr gut finde, das von einem lokalen Sponsor finanziert wird.

Was gebt ihr Neuausreisenden mit auf den Weg?

Rainer: Das kann ich nicht wirklich, weil Einsatzländer, Einsatzstellen und auch die Menschen, die auf Einsatz gehen, so unterschiedlich sind.

Regine: Ich empfehle, möglichst viel am Leben der Menschen teilzuhaben – damit erhöht sich die Akzeptanz der Menschen dir gegenüber und du wirst ein Teil der Community.


Zu den Personen

Regine Gaber ist diplomierte Sozialpädagogin und studierte Social Management an der Donauuniversität Krems. In ihrer langjährigen Tätigkeit in sozialen Einrichtungen zeigte sie sich für die Konzeption und Umsetzung neuer, innovativer Projekte im Bereich der Behinderten- und Obdachlosenhilfe verantwortlich. Zuletzt war sie als Koordinatorin der Wiener VinziWerke tätig.

Rainer Kašik ist Mitbegründer von X ARCHITEKTEN, die sich 1996 als Team mit flacher Hierarchie und der Variablen X in Graz gründeten. Er unterrichtete an der TU Graz und TU-Berlin und war Vorstandsmitglied bei Architektur ohne Grenzen Austria.

Ziel des Personaleinsatzes

Der Einsatz von Regine Gaber unterstützt das School Management Programme in der Programm und Organisationentwicklung, im Erstellen von Jahresbudgets und in buchhalterischen Aufgaben. Darüber hinaus werden Fortbildungen im Bereich Financial management für SchulleiterInnen und Konferenzen zum Erfahrungsaustausch abgehalten, Computerkurse angeboten und pädagogische Trainings entwickelt.

Ziel des Einsatzes von Rainer Kašik war es, die partizipative Planung, Umsetzung und Verwaltung von Infrastruktur-Projekten und -Programmen zu unterstützen, um die diözesanen Bildungs-, Gesundheits- und Sozialdienste effizienter zu gestalten. Eine der Hauptaufgaben des Project Office, welches vom Projektpartner und HORIZONT3000-Berater zusammen getragen wird, ist die Abwicklung von bedarfsorientierten Bauprojekten unter Einbeziehung aller am Projekt beteiligten Personen. Die Logistik des Transports von Gütern steht hier vor besonderen Herausforderungen: Vieles muss mit Buschflugzeugen, kleinen Booten und zu Fuß transportiert werden.

Partnerorganisation

Die katholische Diozöse Daru-Kiunga ist ein wesentlicher Anbieter sozialer Dienste der Western Provinz, einer dünn besiedelten, marginalisierten Region Papua-Neuguineas. Wegen ihrer geografischen Unzugänglichkeit hat die Bevölkerung erst seit den 1950er-Jahren Kontakt mit der Außenwelt und lebt von Subsistenz-und Landwirtschaft, der Jagd, sowie von Kompensationszahlungen für Schäden, die der Bergbau verursacht (Verschmutzung der Flüsse). Die Kirche führt ihre Programme im Bereich Bildung und Gesundheit unter starker Beteiligung der lokalen Gemeinden durch.

Mitgliedsorganisationen