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Das Ende unseres Papua-Neuguinea-Programms: Interview mit dem ehemaligen Landesreferenten Peter Pober-Lawatsch


Peter, wie ist es dir gegangen, als du – schon in Pension – gehört hast, dass das Programm in Papua-Neuguinea beendet werden muss?

Peter: Es hat mich natürlich traurig gemacht, nicht zuletzt für die engagierten KollegInnen, die als Technical Advisors (TAs) gerade im Einsatz waren. Und Covid-19 hat dann sogar noch verhindert, dass sie wie geplant ihre Einsätze zu Ende führen und H3 sich einigermaßen geordnet aus den Projekten zurückziehen konnte. Natürlich bin ich für mich persönlich froh, dass ich bis zuletzt mit Papua-Neuguinea arbeiten konnte.

Zur eigenen Betroffenheit muss ich noch sagen: Mir sind Land und Menschen, mit denen ich knapp 20 Jahre in Verbindung stand, ans Herz gewachsen. Aber mehr als das alles war für mich wichtig, dass es ein Personaleinsatz-Programm war, dessen Relevanz man schwer infrage stellen konnte. Der Bedarf war immer nachvollziehbar und auch die Gegenseitigkeit hat sehr gut gepasst.

Der Betriebswirt Peter Pober-Lawatsch war von 2001 bis 2019 Landesreferent für Papua-Neuguinea.

Wie meinst du das? – Wie muss man beim Personaleinsatz, bei Technical Assistance, unter Gegenseitigkeit verstehen? Und wieso hat das aus deiner Sicht im PNG-Programm so gut gepasst?

Peter: Normalerweise heißt Gegenseitigkeit vor allem, dass die Projektpartner in ihren Strukturen sicherstellen, dass unsere Kollegen und Kolleginnen gut arbeiten können und dass dazu unabhängig an gemeinsamen Zielen gearbeitet wird. In PNG kann oder konnte man nicht auf die Strukturen bauen. Wenn es in den Projekten einmal Stabilität gegeben hat, dann haben die Partner die TAs wirkungsvoll unterstützt, Auch haben sie nach Möglichkeit die Unterkunft zur Verfügung gestellt, was in PNG mehr wert ist als ein lokales Gehalt. In anderen Situationen  konnte man fast immer jemanden finden, der sein Möglichstes getan hat, damit unsere Leute sinnvoll arbeiten können. Ohne viel institutionelle Unterstützung. Was wir aber von den Menschen, mit denen wir zusammengearbeitet haben, bekommen haben, waren vor allem Vertrauen und Spielräume. Man hat akzeptiert, dass die HORIZONT3000-MitarbeiterINNEN auf verschiedenen Positionen unterschiedliche Profile und Temperamente eingebracht haben. Und man hat ihnen im Rahmen ihrer Projektvorgaben Raum dafür gegeben, ihre spezifischen Talente einzubringen und Initiativen zu setzen. Und ich habe erlebt, dass uns dieses Vertrauen auch nicht entzogen wurde, wenn es in manchen Einsätzen nicht so gut geklappt hat.

Bedeutet das, dass die TAs eben ihre Arbeit gemacht haben und neben den lokalen MitarbeiterInnen gearbeitet haben, oder waren das echte Partnerschaften?

Peter: Es ist sicher so, dass in PNG die Relation zwischen Beraten und Selber-Tun eine andere ist als z.B. bei lateinamerikanischen Einsätzen. Die Freiheit, die ich zuvor erwähnt habe, hat auch bedeutet, dass unsere Leute für die Erreichung der Ergebnisse, mit denen sie auch selbst zufrieden sein konnten, ein hohes Maß an Eigeninitiative einbringen mussten. Andererseits haben die meisten die Chance gehabt, mit großartigen lokalen Persönlichkeiten zusammenzuarbeiten, von denen sie selbst einiges lernen konnten. – Und ich habe auch in einigen Einsätzen, vor allem dann, wenn diese nicht optimal gelaufen sind, festgestellt, dass unsere FreundINNEN in PNG oft mit einer großen Toleranz für eine große Bandbreite von Verhaltensweisen ausgestattet waren, sogar wenn sie lokal weniger gut angepasst waren. Das hat dann so gut wie immer ein gutes Ende ermöglicht. – Da haben sie sich neben ihren allgemein menschlichen Qualitäten, auch auf ihre Erfahrungen aus dem Zusammenleben in einem Land mit 800 Sprachen und großer sozio-kultureller Diversität gestützt  – was oft eine bessere Basis war, als ein paar Tage interkulturelles Training, wie wir sie im Kurs anbieten können.

Andererseits haben wir festgestellt, dass oft unverkopfte PraktikerInnen den besten Zugang gefunden haben, wenn ihre Haltung unvoreingenommen, offen und respektvoll war.

Für die MitarbeiterINNEN vor Ort müssen diese Diversität und die täglichen Überraschungen, deretwegen man PNG “Land of the Unexpected” nennt, aber doch sehr herausfordernd gewesen sein?

Peter: Das war natürlich so . Und ich will nicht behaupten, dass es jedem/r gelingt, mit dieser Herausforderung und auch den damit verbundenen Enttäuschungen umzugehen. – Im Idealfall sind TAs in der Lage, ihre Rollen im Projekt dynamisch zu verändern. – Das heißt, sie müssen in der Lage sein, die eigene Initiative zurückzunehmen, wenn Counterparts die Kapazität haben, selbst aktive und bestimmende Rollen zu spielen, Andererseits mussten sie in PNG gelegentlich auch bereit sein, wieder mehr Verantwortung zu übernehmen, wenn etwa hervorragend qualifizierte Schlüsselpersonen, sogar ProjektleiterINNEN, ohne vorherige Anzeichen ausgestiegen sind. Weil z.B. eine Entwicklung in der Familie dies erfordert hat.  – So etwas wie eine von nachvollziehbare Karriereplanung gibt es auch nicht. Das macht Arbeit mit einer europäischen Herangehensweise und auch institutionelle Entwicklung so schwierig. Man kann es aber auch so sehen, dass die Menschen in PNG durch Karriere oder Sicherheit nicht zu bestechen sind.

Du hast von dem Vertrauen gesprochen, dass die Partner unserer Organisation und HORIZONT3000-MitarbeiterINNEN entgegengebracht haben. Wie begründet  sich das?

Peter: Nun, da gibt es einmal die Tatsache, dass Österreich keine Belastung als ehemalige Kolonialmacht hat – obwohl ich zugeben muss, dass auch die Deutschen durchaus wohl gesehen waren. Dann ist es aber auch so, dass die heutige Generation auf den Schultern der vergangenen Einsatzgenerationen, einschließlich der ÖED-Zeit steht. Es hat sich vielleicht der Charakter der Arbeit im Vergleich zur Arbeit von vor 30 Jahren geändert. Und nicht einmal da bin ich mir so sicher, wie sehr das der Fall ist. Auch die Nachhaltigkeit vieler Resultate ist zweifelhaft. Aber Tatsache ist auch, dass wir in den Regionen, wo wir eine Zeit lang waren, immer wieder auf Leute getroffen sind, die sich an EntwicklungshelferInnen oder “Austrian Volunteers” aus der ÖED-Zeit erinnern. Sie haben in Erinnerung, dass sie ihnen ihre Ausbildung verdanken und sie sehen sie als FreundINNEN. Wir wissen, dass noch in den letzten Jahren Vertreter der politischen Elite, gegenüber österreichischen Vertretern, positiv über die „Austrian volunteers“ gesprochen haben. Sie haben Details aus lange vergangenen Einsätzen in Erinnerung, die bei uns längst vergessen sind. Erinnerung läuft in PNG auch auf dieser Ebene eher über konkrete Bilder und Menschen als über Berichte und Statistiken. Es spricht aber auch für den Eindruck, den die Arbeit und das Engagement unserer MitarbeiterINNEN, bei vielen im Land hinterlassen hat und das ist aus meiner Sicht auch eine Art von Nachhaltigkeit.

Du warst 20 Jahre am PNG Project Desk? – Kannst du etwas zu den Entwicklungen im Land und im Programm seit dem Jahr 2000 sagen?

Peter: Vor allem die erste Frage ist für mich schwer zu beantworten. Man steigt zwar nicht zweimal in den gleichen Fluss, aber stehe ja seit dieser Zeit im Fluss. Daher würde ich mir eher eine Antwort von jenen erwarten, die vor langer Zeit in PNG waren und dann wieder gekommen sind.  Selbst von ihnen wird es aber  schwer sein, eine objektive Antwort zu erhalten, weil sie sich ja auch selbst im Vergleich zu ihren jungen Jahren verändert haben und Dinge unterschiedlich wahrnehmen.

Zwei Dinge fallen mir ein, das ist vielleicht oberflächlich und subjektiv: Einmal ist es die Verfügbarkeit von Mobiltelefonen und Internet in vielen (nicht allen) entlegenen Regionen. Die physische Verbindung zwischen ihnen und den Zentren mit Verwaltungen, Märkten, halbwegs qualitätsvoller Gesundheitsversorgung usw. ist nach wie vor sehr schlecht. Aber an der Verbesserung der Kommunikation haben wir in den vergangenen Jahren in den meisten Projekten gearbeitet. Zweitens habe ich den Eindruck, dass es mehr junge Leute mit Universitätsbildung und etwas internationaler Erfahrung gibt – in der Regel in Australien, bald wird auch jene in China eine  Rolle spielen. Das wirkt sich aber noch kaum auf die Situation am Land aus, wo nach wie vor der bei weitem größte Teil der Bevölkerung lebt.

Dort haben sich etliche Parameter nach einer Reihe von Untersuchungen und den Wahrnehmungen vieler seit der Unabhängigkeit verschlechtert – etwa in der Gesundheitsversorgung und im Bildungssystem.

Und das Programm, wie hat es sich verändert? Und hat es etwas bewirkt?

Peter: Ich habe in der Vergangenheit ein paar Mal von Leuten aus der Entwicklungszusammenarbeit gehört, “Ihr arbeitet schon so lange in PNG, da müsstet ihr Eure Ziele endlich erreicht haben”. Dieser Anspruch zeugt aus meiner Sicht nach von Ignoranz. Schauen wir in die Amazonasregion: Die ist wie PNG ein Weltnaturerbe und Heimat einer multi-ethnischen indigenen Bevölkerung. Jetzt ist gerade deutlich erkennbar, dass der Kampf, um die Erhaltung der Natur, sowie das Überleben und die autochthone Entwicklung der Menschen in der Region auch nach vielen Jahren alles andere als gewonnen ist. Dafür gibt man zu Recht nicht den engagierten brasilianischen und internationalen Organisationen die Schuld. Ähnliches gilt auch für den indigenen Staat Papua-Neuguinea.

Veränderung? – Ja, zahlenmäßig sind die Einsätze aufgrund der Ressourcenentwicklung natürlich etwas heruntergegangen. Wir haben uns bemüht, das durch eine geografische Fokussierung und verstärkte Zusammenarbeit zwischen den Projekten auch über Provinzgrenzen hinaus auszugleichen. Ein sehr erfahrener Evaluierer unseres Programms, der u.a. auch das australische Freiwilligenprogramm geleitet hatte, sagte mir einmal, dass es aussichtslos sei, in PNG Institutionen gezielt zu entwickeln. – Es wäre schon viel erreicht, wenn es gelänge die Kapazitäten einer größeren Zahl von jungen Leuten zu entwickeln. Ich denke, dazu haben wir in der – allerdings wechselvollen – Entwickung der Arbeit im Vocational Sektor immer wieder beigetragen. In den vergangenen Jahren vor allem auch durch die Arbeit mit SchulleiterINNEN, Lehrkräften und Personal von diözesanen Diensten. Das heißt, dass Tausende SchülerINNEN verbesserte Lernbedingungen hatten. Ebenso habe wir geholfen, die Kapazitäten von NGOs und lokalen Selbsthilfeorganisationen zu stärken. Altmodisch, aber sinnvoll waren auch die Beiträge zu einer Verbesserung der Infrastruktur für Schulen und Gesundheitseinrichtungen. Da steht jetzt vieles wie alles andere nicht für die Ewigkeit gebaut, aber immerhin.

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