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Doppelinterview mit Sandra Spatzierer und Philipo Mbaga


Sandra Spatzierer beriet in Tansania die NGO Farm Africa bei der Verarbeitung und Vermarktung von landwirtschaftlichen Produkten. Vor ihrem Personaleinsatz arbeitete die Absolventin der Internationalen Betriebswirtschaft bei der Austrian Development Agency (ADA) – der Agentur der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit – im Bereich der Wirtschaftspartnerschaften. Es folgten Consultingaufträge für die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und HORIZONT3000. Mit HORIZONT3000 unterstützt

Wir führten kurz vor ihrem Einsatzende ein Interview mit ihr und ihrem Counterpart Philipo Mbaga, Projektkoordinator bei Farm Africa.

Sandra, was geht dir durch den Kopf, wenn du am Morgen aufwachst?

Sandra Spatzierer: Wenn ich aufwache, frage ich mich, ob es heute Transport ins Büro gibt (es ist 30 km außerhalb der Stadt). Und wenn ich dort ankomme, freue ich mich, in unserem kleinen Waldstück in der Nähe der Bauern und Bäuerinnen zu arbeiten.

Vergleicht man in Tansania reine Finanzierungsprojekte mit dem Personaleinsatz, wo liegen deiner Meinung die Stärken und die Schwächen eines Personaleinsatzes?

Sandra Spatzierer: Die Stärken des Personaleinsatzes liegen im unmittelbaren Kontakt zwischen österreichischen und tansanischen Fachkräften bzw. den Zielgruppen. EuropärInnen und AfrikanerInnen können durch die Interaktion viel voneinander lernen, was weit über Fachwissen hinausgeht und Organisationen dauerhaft verändern kann. Denn jede Organisation wird von Menschen getragen und von deren Fähigkeiten geprägt.

Die Nachteile liegen darin, dass die Einflussmöglichkeiten von Technical Advisors [Anm.: ProjektmitarbeiterInnen] begrenzt sind, denn in Planung und Umsetzung seiner Aktivitäten (samt der finanziellen Belange) sind sie vollständig auf die Partnerorganisation angewiesen. Die BeraterInnen können Veränderungen und Innovationen anstossen. Sie bringen allerdings weder zusätzliche finanziellen Mittel noch notwendige Anlagen oder Gebrauchsgegenstände mit.

Wie hinderlich sind in der Zusammenarbeit sozio-kulturelle Unterschiede? Oder ist die Fremdheit als Österreicherin gar förderlich, weil sie einen „Blick von außen“ ermöglicht, vielleicht um Veränderungspotenziale zu erkennen und Innovationen anzustoßen?

Sandra Spatzierer: In ländlichen Gebieten in Tansania ist es unumgänglich, Kiswahili zu sprechen. Wenn die Sprachkenntnisse fehlen, ist es eine Herausforderung, mit den KollegInnen und Zielgruppen zu kommunizieren und erfolgreich als BeraterIn zu arbeiten. Andererseits prägen ÖsterreicherInnen und TansanierInnen unterschiedliche Verhaltensweisen, die bei Unachtsamkeit missgedeutet und das Arbeitsverhältnis gefährden können. TansanierInnen sind sehr höflich und zuvorkommend und legen sehr viel Wert auf mündliche Kommunikation und guten Ausdruck. ÖsterreicherInnen, die Schnelligkeit und Geradlinigkeit gewohnt sind, können den Kommunikationsstil der TansanierInnen missdeuten. Es empfiehlt sich, viel zu beobachten, sich selbst zurückzunehmen und an die Umgebung anzupassen, ein gutes Einvernehmen mit den KollegInnen und den Zielgruppen zu pflegen sowie Fehler oder Unsicherheit zuzugeben. Dies ermöglicht den MitarbeiterInnen und Zielgruppen ihrerseits Verständnis gegenüber AusländerInnen zu zeigen und den Ideen und Empfehlungen der Technical Advisors offen gegenüber zu stehen. Schließt sich die emotionale Tür zwischen BeraterIn und den KollegenInnen bzw. Zielgruppen einmal vollstaendig, ist sie nicht wieder aufzumachen und die vorgesehene Arbeit nicht umsetzbar.

Philipo, an was denkst du, wenn du in der Früh die Augen aufmachst?

Philip Mbaga: Ich arbeite in einem Umweltschutzprojekt, das den Wald vor Abholzung schützen soll und das Leben der vom Lebensraum Wald abhängigen Menschen zu verbessern. Daher denke ich jeden Tag darüber nach, wie wir so effektiv, effizient und nachhaltig wie möglich dieses Ziel erreichen können. Wir müssen es schaffen, den Menschen eine Einkommensmöglichkeit zu verschaffen, die die Substanz des Waldes nicht gefährdet.

Unsere Interventionen zielen dabei vor allem auf junge Menschen und Frauen. Junge Menschen brauchen – wenn sie eine Familie gründen – Bauholz um ihre Häuser zu bauen. Die Gefahr, dabei Bauholz durch illegale Abholzung zu beziehen, ist groß. Die Frauen verwenden fürs Kochen ineffiziente kleine Öfen und Holz bzw. Holzkohle, was ebenfalls den Wald gefährdet. Gegen diese Dinge gilt es Lösungen zu finden.

Was denkst du über die Entwicklungszusammenarbeit im Allgemeinen und in Bezug zu Farm Africa im Speziellen?

Philip Mbaga: Entwicklungszusammenarbeit ist sehr wichtig, denn Entwicklung ist nicht möglich ohne das Zusammenspiel zwischen Privatsektor, Regierung und Zivilgesellschaft. Unser Konzept bei Farm Africa zielt genau auf diese Zusammenspiel ab.

Was sollten neue ProjektmitarbeiterInnen im Koffer haben, wenn sie nach Tansania kommen?

Philip Mbaga: Erstens sollten sie Swahili lernen können. Zweitens ist es wichtig, über die afrikanische Kultur Bescheid zu wissen. Besonders im ländlichen Raum ist es notwendig, die Stammessitten und -gebräuche zu kennen. Und drittens müssen sie bereit sein, in einfachen Verhältnissen und ohne ausreichende Versorgung leben und arbeiten zu können.

Wenn du Minister für Entwicklung in Tansania wärst, was würdest du als Erstes tun?

Philip Mbaga: Zum Einen: Entwicklung kommt nicht über Nacht, sondern ist ein langer und andauernder Prozess. Zum Anderen: Ein Minister ist ein Politiker. Wenn ich diese beiden Dinge in Erwägung ziehe, dann würde ich zuerst einmal Experten zu Rate ziehen, wie wir Tansania entwickeln wollen. Mein Fokus läge auf den natürlichen Ressourcen, die wir in Tansania haben, und auf den Technologien, die die Rohstoffe in nutzbare Produkte verwandelt. Zur Erlangung dieser Technologie könnten unterschiedliche Wege beschritten werden: Durch Forschung und Entwicklung, aber auch durch Zukauf und Weiterentwicklung.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

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