von Christian Guggenberger

Eine wirkliche Willkommenskultur in Nord-Uganda


von Christian Guggenberger, Leitung HORIZONT3000-Regionalbüro Kampala

Wege, die zum Frieden führen – Ein Stimmungsbild aus den Flüchtlingslagern in Nord-Uganda

„Gestern wart ihre Flüchtlinge bei uns, heute bin ich Flüchtling bei euch“, stellt Richard aus dem Südsudan fest, jetzt selbst Flüchtling in einem der sich geradezu explosionsartig vergrößernden Flüchtlingslager in Norduganda. Richard erklärt dem HORIZONT3000 Team, was es damit auf sich hat:  Diktator Idi Amin und die folgenden Rebellenkriege mit Joseph Kony zwangen die Bevölkerung in Nord-Uganda immer wieder zur Flucht in den  benachbarten Südsudan.

Seit den wieder aufgeflammten Unruhen im Südsudan haben laut jüngster UNHCR Statistik über 1,5 Millionen Menschen das Land insbesondere Richtung Uganda verlassen. In Bidi Bidi, Mitte 2016 noch ein unbewohnter Landstrich in Norduganda, ist mit über 270.000 Menschen innerhalb der letzten 6 Monate das weltweit größte Flüchtlingscamp entstanden. Und Bidi Bidi ist nur eines von zahlreichen Flüchtlingscamps in dieser Region. Täglich kommen rund 2.000 Flüchtlinge zusätzlich nach Uganda. Die die gestern noch Flüchtlinge aufgenommen haben, sind heute selbst Flüchtlinge, das erfahren die Menschen nicht nur in Uganda… Papst Franziskus erinnert uns: „Die Flüchtlinge kennen die Wege, die zum Frieden führen, denn sie kennen den herben Gestank des Krieges“.

Wie geht Uganda bei 40 Millionen Einwohnern mit einer so großen Anzahl von Flüchtlingen um? Wie reagiert die einheimische Bevölkerung auf diesen massiven Zustrom? Was ist die mittel- und langfristige Perspektive der Flüchtlinge? Wie werden die Herausforderungen an die Umwelt bewältigt?

Ein Team von HORIZONT3000, der größten österreichischen Organisation in der nichtstaatlichen österreichischen Entwicklungszusammenarbeit, hat sich ein Bild in den Flüchtlingslagern von Norduganda gemacht.

Wenn der Papst in seiner Botschaft zur Flüchtlingssituation näher ausführt: „Ihr werdet als eine Last, ein Problem, ein Kostenfaktor behandelt und seid in Wirklichkeit ein Geschenk“, beschreibt das Ugandas Haltung gegenüber Flüchtlingen sehr gut. Die Flüchtlinge sind willkommen, sie erhalten umgehend eine Aufenthaltsbewilligung, es wird ihnen ein Stück Land zugeteilt und Baumaterial für eine einfache Hütte bereitgestellt. Die Flüchtlingscamps sind sehr gut organisiert und werden mit dem Nötigsten versorgt. Zu Recht werden sie als Settlement, als Ansiedlung, bezeichnet.

Das HORIZONT3000 Team, das einige Flüchtlingscamps besucht hat, ist immer wieder beeindruckt von der Aufnahmebereitschaft der Ugander! Neue Groß-Siedlungen entstehen in Windeseile und die Anpassungsfähigkeit der einheimischen Bevölkerung an diese neue Situation ist beeindruckend. Richard hat bereits begonnen, seine Talente als Mechaniker einzusetzen und bietet Reparaturen von Fahrrädern und Mopeds an. Das verschafft ihm und seiner Familie ein kleines Einkommen. Hier setzt auch HORIZONT3000 an: mit über zwei Jahrzehnten Projekterfahrung in Uganda ist ein reicher Erfahrungsschatz aufgebaut, um über Capacity Building nachhaltig Selbsthilfe zu fördern. Es beginnt mit kleinen Wirtschafskreisläufen, wesentlich getragen von Eigeninitiativen der Menschen. Durch angebotene Produkte und Leistungen wird dann Einkommen geschaffen und so eröffnen sich Perspektiven für die Menschen auch in scheinbar ausweglosen Situationen.

HORIZONT3000 konzentriert sich dabei sehr gezielt auf fachliche und organisatorische Ausbildung, Unterstützung von Marketing und Qualitätsverbesserung der Produkte. Das ermächtigt die angesprochenen Menschen, sehr bald eigenständig für ihren Lebensunterhalt zu sorgen. HORIZONT3000 arbeitet damit ergänzend und aufbauend auf die internationale Flüchtlingshilfe, die Infrastruktur im Bereich Wasser, Transport, Krankenversorgung usw. bereitstellt.

So wie Richard sein Wissen mitbringt und in seiner neuen Lebenssituation einsetzt, machen das die meisten anderen Flüchtlinge auch. Jeder Flüchtling setzt seine Fähigkeiten ein, um seine Lebenssituation zu verbessern. Dadurch kommt wirtschaftliche Dynamik ins Spiel, die letztlich der ganzen Region zugutekommt. Der Norden Ugandas zählt zu den am meisten benachteiligten Regionen Ostafrikas und erhält durch die Flüchtlinge eine neue Chance auf eine soziale und wirtschaftliche Entwicklung, die langfristig zur gesamtgesellschaftlichen und politischen Stabilität beiträgt.

Natürlich bringen solche sehr rasch wachsenden Siedlungen enorme Herausforderungen an die Umwelt! Ein Rundgang im Flüchtlingscamp überrascht auch in dieser Hinsicht: keine Müllhaufen und keine Zerstörungen der Vegetation! Es ist beeindruckend, wie vorbildlich und gewissenhaft mit der Umwelt in den Camps umgegangen wird. Ein repräsentatives Beispiel: Alle Bäume und größeren Sträucher in und um die Ansiedelungen sind farblich markiert: Ein Baum mit einem roten Punkt bedeutet: keine Axt darf auch nur einen Ast abschlagen! Gelb bedeutet: nur trockene Zweige dürfen entnommen werden. So schützen die Menschen erfolgreich ihre Umwelt in den Settlements. Denn der Bedarf nach Feuerholz ist groß und dennoch zeigen sich die Flüchtlingslager als offene Buschlandschaft und bieten den Menschen Schutz vor Sonne und Staub.

Die Flüchtlingscamps in Uganda machen uns Europäern sehr bewusst, dass jeder von uns morgen schon in einer anderen Situation sein kann. Wie rasch kann es im Leben geschehen und man wechselt von der Geber- auf die Empfängerseite! So wie die Vertriebenen in Uganda ihr Schicksal annehmen und wie sie sich eine neue Zukunft aufbauen sollte uns Mut machen. Jeder Migrant ist „eine Brücke, die ferne Völker verbindet und die Begegnung zwischen Religionen und Kulturen ermöglicht“, so Papst Franziskus.

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