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Zurück aus Nicaragua und Verstärkung in Wien: Klima-Expertin Martina Luger


Martina, du bist seit kurzem zurück in Wien. Hat dich ein Kulturschock ereilt?

Martina Luger: Natürlich, ich habe über Jahre in Nicaragua gelebt. Da lässt sich ein Kulturschock gar nicht vermeiden. Dazu kommt noch der Klimaschock. Die eigentlich vertraute Umgebung in Österreich ist mir irgendwie fremd und ich fühle mich auch ein wenig fremd hier. Was mir im Moment am meisten zu schaffen macht, ist das viele drinnen sein und diese gespenstische Stille, die überall herrscht. Keine Hähne, die krähen, keine laute Reggea-Musik, und außerdem ist es nicht üblich, mit jedem sofort ein Gespräch zu beginnen. Aber ich denke das ist alles normal, das muss man mit Gelassenheit nehmen.

Du warst über 7 Jahre in Nicaragua, die Abreise war dann eher von externen Faktoren bestimmt. Wie war das?

Martina: Geplant war, dass ich bis Ende 2019 ein EU-Projekt zum Thema Schutz von Küstenökosystemen an der Karibikküste von Nicaragua begleite. Aufgrund der aktuellen soziopolitischen Krise in Nicaragua und der dadurch bedingten Unsicherheit und psychischen Belastung, haben mein Mann und ich entschieden nach Österreich zu kommen. Es ist sehr traurig und besorgniserregend mitzuerleben, wie in kurzer Zeit auf brutale Art und Weise ein ganzes Land zugrunde gerichtet wird und sich die Lebenssituation der Menschen im ganzen Land massiv verschlechtert hat. Das trägt leider auch nicht zur Klimawandelresilienz bei.

Was hast du hauptsächlich gemacht?

Martina: In den letzten 7 Jahren habe ich verschiedene Projekte im Klimawandelanpassungsbereich begleitet und mitentwickelt. Zu Beginn ging es in einem bi-nationalen (Nicaragua und Honduras) EU-geförderten Projekt darum, das Projektteam der Bluefields Indian and Caribbean University (BICU, www.bicu.edu.ni) dabei zu unterstützen, die Anpassungskapazitäten der Küstengemeinden der Karibikregion zu stärken. Klimawandel war 2011 noch ein völlig neues Thema an der Karibikküste von Nicaragua und Honduras. Aufbauend auf diesen ersten Erfahrungen habe ich der Universität BICU dabei geholfen, das Thema Klimawandel auf institutioneller Ebene zu verbreiten, Lehre und Forschung zum Thema Klimawandel zu stärken, sowie die ersten Schritte in der Einrichtung eines Klimawandelobservatoriums zu tun. Dafür wurde im Rahmen eines APPEAR-Projekts (gefördert von der OEZA) eine Partnerschaft mit der BOKU (University of Natural Resources and Life Sciences) aufgebaut (https://appear.at/en/projects/current-projects/project-websites/project99/). Parallel dazu habe ich lokale Organisationen der Zivilgesellschaft und Universitäten bei der Gründung einer regionalen Klimawandelallianz begleitet, um Aktivitäten in diesem Themenfeld auf regionales, nationaler und internationaler Ebene besser zu koordinieren. Besonders interessant war die Zusammenarbeit mit der lokalen NGO blueEnergy (bE) in der Entwicklung und Durchführung der Initiative „Familien und Gemeinden vorbereitet auf den Klimawandel“, in der neben der partizipativen Erarbeitung von lokalen Anpassungsplänen, gezielt Model- und MultiplikatorInnenfamilien weitergebildet und mit einfachen Klimawandelanpassungstechnologien und -techniken ausgestattet wurden (https://spark.adobe.com/page/EWM0n9Bj3Ynuo/). Dabei habe ich das sehr motivierte bE Team v.a. konzeptionell und methodisch unterstützt. 2015 hatte ich die Gelegenheit, das zentralamerikanische, zivilgesellschaftliche Beobachterteam bei der COP21 in Paris zu begleiten. Beeindruckend dabei war, wie gut die Zivilgesellschaft auf lateinamerikanischer und globaler Ebene organisiert und vernetzt ist. In den letzten 3 Jahren habe ich schließlich das von der EU geförderte Projekt „Erhaltung und nachhaltiges Management der Küstenökosysteme der Karibikküster Nicaraguas“ mitentwickelt und fachlich begleitet. Kernstücke des Projekts sind die Erstellung bzw. Aktualisierung der Managementpläne zweier Meeresschutzgebiete (Cayos Perlas und Cayos Miskitos) und die Bemühungen mit lokalen Fischern und kleinen Tourismusbetrieben umweltfreundlicher zu arbeiten.

Deine positivste Erinnerung? Was bleibt von deiner Arbeit vor Ort übrig?

Martina: Bei meiner Verabschiedung in Bluefields ist mir klar geworden, dass wir gemeinsam viel erreicht haben in den letzten Jahren und der Grundstein für Klimawandelanpassung gelegt ist. Viele von den Konzepten, Methodenhandbüchern und Bildungsmaterialien, die ich gemeinsam mit KollegInnnen vor Ort entwickelt habe, werden tagtäglich verwendet. Was mich besonders freut, ist die Entwicklung vieler Familien, mit denen wir gearbeitet haben, zu echten KlimabotschafterInnen, die proaktiv ihr Wissen und ihre Erfahrungen in ihre Nachbarschaften tragen. Was noch bleibt, sind viele gestärkte KollegInnen und viele Hausgärten, die wir über die Jahre angelegt haben, wichtige Freundschaften fürs Leben und meine tiefe Verbundenheit mit Land und Leuten.

Was war Deine größte Herausforderung oder Problem?

Martina: Leider ist in Nicaragua der sogenannte Machismo sehr weit verbreitet. Das äußert sich in endlosen ungebetenen und oft vulgären Kommentaren von Männern gegenüber Frauen und macht auch vor Universitäten nicht halt. Es ist für viele Männer vor allem in Führungspositionen schwierig, sich z. B. Frauen bei der wissenschaftlichen Arbeit im Feld vorzustellen und ihnen ähnliche oder sogar vorteilhaftere Fähigkeiten als Männern zuzugestehen. Das schränkt sehr ein (auch im Privatleben) und lässt viel Potenzial auf der Strecke, das dringend benötigt wird. Da ist noch sehr viel Arbeit zu leisten.

Was hat dich an der Projektarbeit persönlich bewegt, geprägt oder verändert?

Martina: Ich bin sicher nicht mehr dieselbe wie vor fast 8 Jahren. Die Arbeit als Fachkraft mit meinen KollegInnen vor Ort hat mich zum Besseren verändert. Ich bin geduldiger und bescheidener geworden, habe sehr viel über echte Partizipation gelernt und kann viel besser einschätzen, was vor Ort gebraucht wird um die dringend nötige Adaptierung an den Klimawandel voranzutreiben. Diese Erfahrungen würde ich sehr gerne weiter in der EZA einbringen.

Nun ins hier und jetzt, was tut sich im Bereich Klimaschutz? Was ist geplant für die nächsten 3 Monate?

Martina: Horizont3000 hat im Strategiedokument 2016-2020 festgelegt, thematisch relevante Expertise und Allianzen im Bereich Klimawandel aufzubauen und vermehrt Projekte im Bereich Klimaschutz und Klimawandelanpassung umzusetzen. Dieses Vorhaben ist umso wichtiger, da auf internationaler politischer Ebene am aktuellen Klimagipfel in Katowice leider nicht die ambitionierten Ergebnisse erzielt wurden, die nötig sind um die globale Erwärmung auf 1.5°C zu beschränken (siehe weiterführende Links unten). In den nächsten 3 Monaten werde ich daher, zusätzlich zur Fernunterstützung des BICU-Teams, das Team von Horizont3000 in Wien in klimawandelrelevanten Themen verstärken.

Vielen Dank für das Gespräch. Alles Gute!

https://www.global2000.at/news/cop-24-ergebnisse-unzureichend

https://www.cidse.org/newsroom/end-of-cop-24-more-solidarity-and-equity-is-needed-to-face-climate-change.html

https://germanwatch.org/de/16125

Zur Person:

Vor ihrem Einsatz sammelte die Wienerin Martina Luger viel Erfahrung in den Bereichen Umweltbildung, Bildung für nachhaltige Entwicklung, urbane Landwirtschaft sowie in Beratung und Forschung. Die ausgebildete Ökologin und Umweltpädagogin arbeitete in Nicaragua an der Schnittstelle von Entwicklung / Klima / Umweltschutz / nachhaltige Entwicklung und beriet bei der Vernetzung und Positionierung der lokalen Partnerorganisationen in der Klimawandelanpassung.

 

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