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Turkana zwischen Tradition und Moderne


„Das erste Mal besuchte ich Turkana (County im Nordwesten Kenias) im Frühjahr 2010, meine Aufgabe war es eine Baseline Studie in den neuen Zielregionen des Projekts ‚Integrierter ökologischer Ansatz zur nachhaltigen Dorfentwicklung‘ durchzuführen. Das Projekt baute auf der langjährigen Kooperation (ca. 20 Jahre) zwischen der Diözese Lodwar und HORIZONT3000/Dreikönigsaktion auf.“

Neu in dieser Projektphase war, neben der Verbesserung der Wasserinfrastruktur auch gleichzeitig andere Bereiche sinnvoll zu integrieren (Hygiene, neue Einkommensmöglichkeiten, Erwachsenenbildung, erneuerbare Energie), um so die Situation der halb-nomadisch lebenden Pastoralisten mit einer ganzheitlichen Herangehensweise zu verbessern.

2010 verbrachte Rebekka Fischer zweieinhalb Monate in Turkana, um die Lebensbedingungen in den Projektregionen zu dokumentieren. Im Jahr 2012 organisierte zudem die Technische Universität Wien gemeinsam mit HORIZONT3000 ein interdisziplinäres Forschungsprojekt mit zweiwöchigem Forschungseinsatz in Turkana. 2013, nach der Durchführung der End-line Studie verbrachte sie noch ein paar zusätzliche Wochen in dem Dorf Locher Edoot, um dort für ihre Diplomarbeit im Fach Soziale Ökologie detailliertere Daten zu erheben. „Mein Anliegen war es, die Veränderungen und Wirkungen des Entwicklungsprojekts auf lokaler Ebene genauer zu verstehen und diese mit Betroffenen zu diskutieren“, beschreibt Rebekka Fischer ihre Arbeit.

Wie ist das Gefühl in einer fremden Kultur zu forschen?

Ich war vor der Forschung zur Diplomarbeit schon mal dort, aber trotzdem war es wieder sehr beeindruckend: es sind ganz viele Tiere im Dorf, es ist extrem heiß, die Ressourcen sind sehr begrenzt, es ist extrem trocken. Viele Leute, die in der Stadt wohnen, erklärten mir – bevor ich für einige Wochen in das abgelegenen Dorf ging – dass es sehr schwierig sei am Land zu wohnen, weil es fast nichts zu Essen gibt, kein Wasser und es ist extrem sei. Es gibt nicht viele Möglichkeiten. Die Menschen sind irrsinnig beeindruckend und zu sehen wie sie ihr Leben meistern.

Wieviele Einwohner hat das Dorf?

Die Turkana Gesellschaft ist sehr mobil, es herrscht viel Fluktuation. Wir haben versucht die EinwohnerInnen zu zählen, es waren ungefähr 390 fixe DorfbewohnerInnen, wobei täglich noch jemand aufgetaucht ist. Es ist eine polygame Gesellschaft, die Frauen bauen die Häuser und die Männer wandern dazwischen umher, je nachdem wo sie und ihre Arbeitskraft gerade benötigt werden. Die Turkana sind eine Volksgruppe von mittlerweile ca. 1 Mio. Menschen; es gibt traditionelle Siedlungen, ländliche Ansiedlungen rund um moderne Infrastruktur und Städte. Turkana (als Gegend) ist sehr unwirtlich und wurde deshalb stark vernachlässigt, sowohl während der Kolonialzeit als auch danach vom Staat Kenia. Das Volk der Turkana kann jedoch mit den knappen Ressourcen sehr gut umgehen bzw. hat gelernt aus dem Wenigen was da ist das Maximum herauszuholen. Aktuell ändert sich die Interessenslage weil vor zwei Jahren Öl gefunden wurde. Plötzlich ist das Land und die Region interessant.

Wie wurdest du vor Ort aufgenommen, was gibt es für einen HORIZONT3000 Bezug?

Ich wurde sehr positiv in den Dörfern aufgenommen, weil ich öfter dort war, es ging mir immer stark um einen Austausch, die Ansichten der DorfbewohnerInnen habe ich immer versucht wertzuschätzen und ernst zu nehmen . Ich habe Interesse gezeigt, dass ich etwas lernen wollte, die Frauen haben mir ihre Häuser gezeigt und ihre Felder. Und sie haben gesehen, dass das Projekt etwas bringt, dass sich ihr Leben verändert. HORIZONT3000 und die Dreikönigsaktion sind dort schon seit über 20 Jahren tätig und haben da schon sehr viel bewirkt und gelernt. 2010 wurde die Projekttätigkeit ganzheitlich ausgerichtet. Es wurden schon viele Brunnen gebaut, da es aber eine nomadische Gesellschaft versiegen diese Brunnen teilweise schnell. Es wurde hier versucht darauf Rücksicht zu nehmen. Es wurden viele Aktivitäten rund um den Brunnen angeboten. In meiner Diplomarbeit ist ein Ergebnis, dass Frauen, die weniger Zeit zum Wasser holen brauchen, mehr Zeit für Erwachsenenbildung haben und diese dann auch nutzen.

Welche Aktivitäten wurden rund um den Brunnen konkret angeboten?

Erwachsenenbildung, neue Lebensgrundlagen und Verstärkung von bereits vorhandenen, also Diversifizierung der Lebensgrundlagen und Verbesserung der Lebensbedingungen waren das Ziel, wie z.B.: mehr Erträge aus landwirtschaftlichen Tätigkeiten, Obstbäume pflanzen, Körbe flechten, Gesundheit der Tiere verbessern. Auch der Bau von Latrinen, mit der Idee, dass Jugendliche diese Latrinen bauen können und dann das Knowhow haben und dadurch ein kleines Einkommen erwirtschaften können. Es wurde auch geschaut, wo Potentiale da sind, und diese dann gefördert. Alles zentriert sich rund um das Thema Wasser. Es sind nicht nur Brunnen gebaut worden, sondern auch unterirdische Dämme, die die Brunnen nachhaltig nutzbarer machen.

Was hast du herausgefunden?

Die Frauen haben durch den neuen Brunnen jetzt einen kürzeren Weg und dadurch mehr Freizeit. Diese Nutzen sie aber wiederum produktiv, sie gehen anderen Aktivitäten nach, die der Familie etwas bringen. Die Turkanakultur ist in ihrer Grundausrichtung sehr nachhaltig aufgebaut, was die Ressourcennutzung betrifft. Das ist eine Adaption an die natürlichen Gegebenheiten. Es hat sich auch gezeigt, dass es sinnvoll ist verschiedene Aspekte in einem Projekte zu integrieren. Wenn die Frauen mehr Zeit haben, werden andere ökonomische Möglichkeiten erschlossen. Zum Beispiel werden Teile vom Bildungsangebot in die Kultur integriert, wenn sie sinnvoll erscheinen. Sie holen sich rein was Sinn für sie macht. Sie denken wie Turkana und ziehen sich die nützlichen Dinge heraus. Wenn zum Beispiel ein Priester auf Besuch ist, tragen sie das Kreuz. Sie hören zu und diskutieren danach ob und was hilfreich und sinnvoll für sie, die Familie und die Community sein könnte. So haben einige Frauen durch die Erwachsenenbildung angefangen Shops aufzubauen und ein wenig Handel zu betreiben, der Brunnen zieht auch neue Kunden an. Sie können jetzt aber auch neue wichtige Informationen lesen, wie medizinische Informationen usw. Einige Männer besuchten die Erwachsenenbildung um Handys bedienen zu können und ihren Namen schreiben zu können.

Was hat dir besonders gefallen?

Persönlich hat mir gefallen, dass die Community so stark ist, alle sind total vernetzt. Jede Person hat ihre Aufgabe, der Zusammenhalt ist sehr stark. Zum Beispiel wurden einer Frau alle Tiere geraubt, im Jahr darauf hatte sie aber schon wieder eine Herde von 70 Schafen und Ziegen, weil alle zusammengeholfen haben. Die Leute sind für mich darüber hinaus unglaublich beeindruckend. Die Turkana sind sehr stolze Menschen, sie schaffen es eine Dürre zu überstehen, das macht sie stolz. Von Außenstehenden werden sie oft als arm und hilfsbedürftig hingestellt, sie selbst sehen die Dinge anders. Sie sind sehr flexibel und gleichzeitig sehr in ihrer Kultur verwurzelt.

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