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Computer, Hemden und Kondome – wenn Lehrer lehren lernen


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Ein ganzes Jahr lang haben Joe, mein Kollege, und ich versucht, einen Fortbildungskurs für die BerufsschullehrerInnen von Bougainville zu organisieren. Vergeblich. Kein Geld, keine Trainer, keine Termine.
Dreimal war es fast so weit. Dreimal sind unsere LehrerInnen nach Buka angereist. Dreimal mussten wir sie enttäuscht wieder nach Hause schicken. Aber das Lehren lernen steckt voller Überraschungen.

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Schon bald müssen alle Trainer und College-Lehrer in Papua Neuguinea sich für das Unterrichtsgeschäft zertifizieren lassen. Die bisherigen Abschlüsse reichen nicht mehr aus. Die neue Zertifizierung entspricht australischen Standards und ist eine deutliche Aufwertung der Lehrerqualifikation.

Kurz vor Weihnachten dann eine E-mail aus Port Moresby:
Könnt Ihr einen Kurs für Mitte Januar organisieren? Das zweite Modul dann für April? Laptops, Beamer, Drucker, Konferenzzentrum, Übernachtung, Mahlzeiten, Strom, fließend Wasser, das ganze Programm? Wir schicken den Trainer. Die Australier zahlen.“

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Eine großartige Nachricht! Aber eine unmögliche Herausforderung, denn ab Mitte Dezember bis Ende Januar sind bei uns die großen Schulferien.
Alle sind in den Dörfern bei ihren Familien und der öffentliche Dienst ist im Sparmodus.

Laptops haben wir nicht, Strom auch nicht immer, Unterkunft muss im Voraus gezahlt werden. Wasser fließt, aber meist von den Dächern, eher selten aus der Leitung. Und was bitte schön ist ein Konferenzzentrum?
Wie soll das alles funktionieren? Auf einer winzigen Insel mitten im Pazifik. Das klappt noch nicht mal in Deutschland! Oder in Österreich.

 

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Frustriert will ich gerade den vierten Anlauf absagen. Da grinst mich Joe in seiner unvergleichlichen Art breit an und meint:
„Wir können das schaffen“.
Geht vor die Tür und zündet sich erst mal eine Zigarette an.
Joe hat die Ruhe weg!

Viele Kilogramm geschluckter Straßenstaub, endlose Stunden auf Gängen und Fluren sowie astronomische Telefonkosten später, erlebe ich, was alles möglich ist, wenn Menschen als Team zusammen arbeiten.

Kostenvoranschläge, rosa Formular, gelbes Formular, grünes Formular, Stempel, Unterschriften, schon sind die Laptops gekauft. Zwölf an der Zahl.

 

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Einen Drucker bekommen wir geliehen, ebenso Toner und Papier. Haben wir nämlich alles nicht.
Dem alten Dieselgenerator aus meinem ehemaligen Bootsprojekt wird wieder Leben eingehaucht.
Das Youth Center der katholischen Diözese wird gebucht und die Buchung buchstäblich in letzter Minute bezahlt.
Fünfzehn(!) schwere Pakete mit Kursmaterialien trudeln aus Port Moresby ein, unmittelbar vor Kursbeginn.
Am Samstag vor Kursbeginn landet Chris Prince, unser Trainer, auf dem Buka Airport.

 

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Und dann stehen unsere LehrerInnen vor der Tür.
Aber nicht nur die! Einige sind mit Babys und Babysitterinnen angereist. Eine Lehrerin bringt ihre Zwillinge und den Ehemann mit. Wer verpflegt jetzt die Familien?
Andere dürfen zunächst nicht anreisen, fliehen dann aber im wahrsten Sinne des Wortes zu uns nach Buka.
Ersatzlehrer werden eingeladen.
Dokumente müssen beglaubigt werden.
Die Laptops haben kein gültiges Betriebssystem.

 
 

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Es herrscht ein heilloses Durcheinander. Aber dann findet sich für jedes Problem irgendwie eine Lösung und alle arbeiten Hand in Hand.

Endlich beginnt der Kurs, der eigentlich gar keiner ist. Es ist eher eine intensive betreute Prüfungsvorbereitung.

Unsere LehrerInnen müssen Unterrichtseinheiten vorbereiten, Dokumentationen erstellen, Ihre Englischkompetenz unter Beweis stellen und immer wieder ihre Fertigkeiten demonstrieren.

So lernen wir in den folgenden zwei Wochen von morgens bis abends und auch am Wochenende.
Etwa, wie man eine maßstabsgetreue Zeichnung anfertigt, wie man schwere Lasten trägt, auf Sicherheit achtet, Hemden zusammenlegt, ein Bett bezieht, und wie man ein Dokument ausdruckt.

 
 
 
 
 
 

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Ein Highlight ist der Miniworkshop zum Thema AIDS. Arbeitsgruppen präsentieren Hintergrundinformationen und unterrichten uns anhand von Auberginen und Bechern, wie man Kondome für Männer und Frauen verwendet.
Ziemlich müde feiern wir zwei Wochen später das Ende des ersten Kursmoduls.
Jetzt haben wir immerhin zehn Wochen Zeit das nächste Modul vorzubereiten.
Dazu gehört allerdings auch der Besuch und die Betreuung aller KursteilnehmerInnen an ihren Schulen.

 
 
 
 

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Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass wir hier in Bougainville die erste Provinz von Papua Neuguinea sind, die ihren BerufsschullehrerInnen diese Qualifikation ermöglicht?
 

Und die Moral von der Geschichte: Hinfallen – Aufstehen – Weitermachen. Das ist das Geheimnis.

 
 

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