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Coronabedingt zurück vom Einsatz: Agnes Köchl (UGA)


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Corona machte auch deinem Einsatz einen Strich durch die Rechnung. Du musstest vorzeitig zurück, eine Rückkehr war nicht mehr möglich. Wie fühlst du dich damit?

Agnes: Es war definitiv keine leichte Entscheidung, das Kapitel „Uganda“ zu schließen. Ich wäre sehr gerne zurückgekehrt, aber die aktuellen Umstände lassen es leider nicht zu. Ich vermisse die Arbeit mit den Partnerorganisationen, meinen Alltag und die zahlreichen lieb gewonnenen Menschen. Ich werde mich sicher noch lange an die schöne und lehrreiche Zeit zurückerinnern.

War deine Zeit im Einsatz so, wie du dir die Sache davor vorgestellt hast?

Agnes: Ich bin mit wenig Vorstellungen und Erwartungen an den Einsatz herangegangen. Ich finde, so fällt es leichter, sich auf etwas Neues einzulassen. Alles in allem ist mein Fazit sehr positiv. Ich hatte sowohl beruflich als auch privat eine schöne Zeit in Uganda und habe mich persönlich weiterentwickelt.

Die Zusammenarbeit mit den Partnerorganisationen war sehr spannend und abwechslungsreich. Ich habe sechs Organisationen aus den unterschiedlichsten Bereichen betreut. Darunter waren sowohl kleinere Grassroot NGOs als auch überregionale, uganda-weit-tätige Organisationen.

Ich dachte, dass es länger dauern wird, bis wir zum „richtigen“ Arbeiten kommen. Nach den Kick-Off Workshops, in denen die Bedürfnissse der Organisationen ermittelt wurden, ging es dann aber doch rasch los. Unter anderem wurden Strategien für Ressourcenmobilisierung und Kommunikation entwickelt, Marketingmaterial erstellt, Proposals geschrieben und die digitalen Kommunikationskanäle optimiert. Auch die Vorbereitung diverser Trainings und Workshops hielt mich auf Trab.

Was bleibt von deiner Arbeit vor Ort übrig? 

Agnes: Neben den Früchten der Zusammenarbeit bleiben Freundschaften und die Erinnerungen an die produktiven und sehr oft auch lustigen gemeinsamen Zeiten.

CODNET Uganda weiß, wie man mir die Arbeit versüßt.

Deine größte Herausforderungen, Hindernisse, Probleme?

Agnes: Für mich war die größte Herausforderung die Auseinandersetzung mit meiner Rolle als weißer Beraterin im globalen Süden. Ich habe mich oft gefragt, welche Berechtigung mein Einsatz hat und in diesem Zusammenhang viel über die positiven und negativen Aspekte der Entwicklungszusammenarbeit reflektiert und diskutiert.

Auch das Thema Rassismsus hat mich immer wieder beschäftigt. In Österreich wird Rassismus als rein rechtes Phänomen betrachtet. Als linker Mensch ist man demnach automatisch anti-rassistisch. Aber ist das wirklich so? Kann man sich dem strukturellen Rassismus entziehen?

Ich möchte hier auch auf die ugandische Initiative „No White Saviors“ (https://www.instagram.com/nowhitesaviors/) aufmerksam machen. Diese setzt sich kritisch mit dem sogenannten „White Savior Complex“ auseinander. Der Begriff beschreibt das Phänomen des westlichen RetterInnen-Narrativs, in dem sich potenzielle HelferInnen dazu berufen fühlen, in Ländern des globalen Südens „etwas Gutes zu tun“. Die Motive mögen ehrenhaft sein, aber vielen ist nicht bewusst, dass dadurch Machtstrukturen aufrechterhalten und öffentlich reproduziert werden.  

Was hat dich am meisten persönlich bewegt?

Agnes: Es ist die Verschmelzung der vielen kleinen, scheinbar unwichtigen, alltäglichen Situationen, die mich persönlich am meisten bewegt und prägt. Der unermüdliche Einsatz vieler Partnerorganisationen für ihren „Cause“, der Motorradtaxifahrer der zum guten Freund wird, meine Mitbewohner, die mich ihren „Muzungu“ (= Weiße) nennen und mit mir zu Muzungu-Musik tanzen, die gemeinsame Jackfruit-Ernte mit den NachbarInnen, die Gemüsefrau, die sich jedes mal über meinen Besuch freut und mich mit ihrer Schwester telefonieren lässt, oder die Begegnungen auf der Wasser-Pipeline auf meinem Weg zur Arbeit (siehe Foto).

Auf meinem Arbeitsweg – über die Wasser-Pipeline ins Büro.

Was nimmst du als Lernerfahrung mit nach Hause?

Agnes: So vieles! Ich denke, es wird noch eine ganze Weile dauern, die Erfahrungen und Eindrücke zu verarbeiten und einzuordnen. Ich habe so gut wie möglich versucht, Offenheit und Flexibilität im persönlichen Denken und Handeln zu leben. Dadurch wurden diese Werte in mir gestärkt. Einige Learnings hängen eng mit den oben beschriebenen „Hindernissen und Herausforderungen“ zusammen.

Was machst du als nächstes?

Agnes: Ich starte im Oktober bei einer Agentur die NGOs in den Bereichen Fundraising und Kommunikation betreut. Meine Tätigkeiten bleiben also ähnlich. Ich freue mich schon sehr auf die neue Herausfordung.

Was gibst du neuen Ausreisenden als Ratschlag mit auf den Weg?

Agnes: Ich denke es ist wichtig, sich laufend und kritisch mit der eigenen Rolle als BeraterIn auseinanderzusetzen. Man neigt dazu, die eigene Meinung oder Vorgehensweise als die richtige zu betrachten, ohne diese zu hinterfragen, oder andere Sichtweisen zuzulassen. Hier gilt es, sensibel zu bleiben und sich selbst zurückzunehmen. Aktives, ehrliches Zuhören ist meiner Meinung nach eine der wichtigsten Skills in einer beratenden Tätigkeit.

Es wird im Einsatz sicher Situationen oder Dinge geben, die man nicht sofort versteht. Mir persönlich haben meine KollegInnen im Regional Office sehr dabei geholfen, diese zu interpretieren. Da darf man keine Scheu haben nachzufragen, auch wenn es oft sehr lustig für die anderen ist. 😉

In einem meiner Lieblingscafes über den Dächern der Stadt ging mir des öfteren ein Licht auf.

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