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Doppelinterview mit Anita Langthaller und Beno Kamewo


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Anita Langthaller arbeitet bei NGOPRO in Papua-Neuguinea (PNG) als Beraterin für Organisationsentwicklung. Vor ihrem Personaleinsatz mit HORIZONT3000 arbeitete die Soziologin und Ethnologin lange Zeit in Neuseeland, vor allem als Sozialforscherin im Justiz- und Gesundheitsbereich. Anita ist auch im künstlerischen Bereich aktiv, ihre Filme und Dokumentationen wurden auf internationalen Filmfestspielen, im Fernsehen und in Galerien gezeigt.

Carsten Klink, Landesdirektor von HORIZONT3000 in PNG, führte die Interviews.

Carsten: Anita, was geht dir durch den Kopf, wenn du am Morgen aufwachst?

Anita: Was muss ich heute alles machen? What are my priorities today? Ich mache Kaffee, füttere und spiel mit der Katze und bereite mich vor.

Carsten: Du bist jetzt seit fast zwei Jahren in Papua-Neuguinea. Was sagst du Kritikern in Österreich, die fordern, das Engagement in PNG solle zu Ende gehen. Es sei unverhältnismäßig teuer und sowieso nicht mehr zeitgemäß?

Anita: Einem Skeptiker, der denkt, es wäre Geldverschwendung, würde ich antworten: Schau herum, überlege, wie viele neue Projekte innerhalb deines eigenen Landes oder der sogenannten „Ersten Welt“ initiiert werden und dann nicht funktionieren. Das betrifft privatwirtschaftliche Projekte wie Regierungsinitiativen. Etwas zu machen beinhaltet immer ein gewisses Risiko.

Kleine Schritte können eine große Wirkung haben. Beno zum Beispiel. Er bekam ein Stipendium um in England zu studieren unnd jetzt bringt er seine Kenntnisse zurück in sein Dorf. Oder das Beispiel von Helping Hands (Honigproduktion). NGOPRO arbeitet seit einigen Jahren mit dieser Gruppe und leistete finanziell und organisatorisch Capacity Building. Vor zwei Jahren halfen wir ihnen den ersten Business-Plan zu erstellen. Jetzt am Wochenende war ein Artikel über sie in der Zeitung, din dem steht, dass sie in den entlegenen Gebieten des Hochlands auch Kurse für Frauen machen. Sie lernen wie frau mit Honig das Einkommen erweitern und diversifizieren kann. Kelly ist ein qualifizierter Trainer und hat in den letzten Jahren viel aufgebaut. Der Honig solcher Gruppen wird dank ihm jetzt sogar im Supermarkt verkauft. Vielleicht wird es einmal so sein, dass kein Honig mehr von Australien eingeführt werden muss. Die Anfänge der Honigproduktion in PNG gehen übrigens auf österreichische Entwicklungshelfer vor vielen Jahren zurück. Die Langzeitwirkung eines solchen Engagements lässt sich gar nicht richtig erfassen.

Carsten: Was sind die Vorzüge des Personaleinsatzes?

Anita: Das Motto hier ist: „Learning by doing it together“. Wir in Europa haben ein sehr priviligiertes Leben. Es ist selbstverständlich, dass wir zur Schule oder Uni gehen, medizinische Versorgung haben und das Leben gestalten, wie wir es uns wünschen. Hier in PNG und vielen anderen Ländern ist das nicht so. Der Personaleinsatz trägt zu Veränderungen bei, auf unterschiedlichen Ebenen. Die erste Ebene betrifft die lokalen Mitarbeiter, die durch die Zusammenarbeit mit einem Technical Advisor andere Arbeitsweisen und Denkweisen wahrnemen oder lernen können und diese oft auch im privaten Kreis oder in anderen Projekten anwenden. Die nächste Wirkungsebene betrifft die Organisationen, mit denen wir arbeiten, sei es um gemeinsam die Zielrichtungen und Motivationen zu stärken oder die richtigen Kenntnisse und Mittel für die Umsetzung von Plänen zu finden. Auf der Landesebene versuchen wir, durch den Personaleinsatz und mittels Kooperationen mit anderen Organisationen oder Partnern bestimmte Situationen zu verbessern. HORIZONT3000 arbeitet zum Beispiel im Schulwesen in Bougainville und versucht das Schul-Management zu verbessern und Berufsschulen aufzubauen.

Carsten: Wie hinderlich sind in der Zusammenarbeit sozio-kulturelle Unterschiede? Oder ist die Fremdheit als Österreicherin gar förderlich, weil sie einen „Blick von außen“ ermöglicht, vielleicht um Veränderungspotenziale zu erkennen und Innovationen anzustoßen?

Anita: Die Veränderung geht mit sehr langsamen Schritten vor sich. Viel langsamer als wir es gewöhnt sind. Das hat nicht nur mit der Schulausbildung zu tun, sondern viel mehr mit der Art und Weise, wie die Leute hier leben, wie sie ver- oder eingebunden sind und was ihnen wichtig ist. Familien und Community stehen an erster Stelle. Entscheidungen werden im pazifischen Raum mittels eines „inclusive and consultive appoach“ gemacht. Viele Leute, von Familienmitgliedern über Klan-Leader bis zu Landbesitzern oder anderen Repräsentanten, werden – oder besser gesagt – müssen dabei einbezogen werden, und Themen werden lange und ausführlich diskutiert, bevor etwas bestimmt wird.

Der Blick von Aussen kann gut sein, aber die lokale Geschichte und der „Way of Doing“ müssen mitberücksichtigt werden. Es ist leicht auf etwas aufmerksam zu werden und zu sagen, warum hat noch keiner XY gemacht, oder warum wird XY so kompliziert gemacht, wenn es doch eine effizientere und effektivere Weise gibt. Oft bezieht sich der erste Blick von außen auf das, was wir mitbringen. Es sind nur unsere Interpretationen und wir „kratzen“ nur an der Oberfläche. Es braucht viel Zeit, Vertrauen und Verständnis um ein „Lost in translation“ zu vermeiden und die Wahrnehmung mit der lokalen Realität zu verbinden und einen gemeinsamen Blick zu finden.

Aber natürlich können wir durch unsere Zusammenarbeit den anderen Blickwinkel einbringen und Erfahrungen teilen, die auf „Best Practice“ beruhen, die aus anderen Teilen der Welt stammen, wo Lösungen für ähnliche Situationen gefunden worden sind, und daher hilfreich sein können. Diese Impulse müssen dann jedoch lokal angepasst und angewandt werden um eine Langfristigkeit zu erreichen.

Carsten: Was würdest du in PNG tun, wenn du Geld und Personal im Überfluss hättest?

Anita: Ich würde jene Projekte unterstützen, die das Schulwesen verbessern und helfen, neue Einkommensmöglichkeiten und Selbstbestimmung für die Landbevölkerung zu entwickeln. Sei es ein Nischen-Handwerk oder die umweltfreundliche Nutzung des kommunalen Landes. Außerdem würde ich Initiativen unterstützen, die die „Gender Based Violence“ reduzieren und jungen Frauen eine bessere und sichere Zukunft ermöglichen.

Carsten: Was ist die interessanteste Erfahrung, die du bisher in PNG gemacht hast?

Anita: 2012 kam ich nach Bougainville, wo ich bei Leitana Nehan, Women’s Development Agency, als Neuseeländischer Volunteer arbeitete. Helen Hakena und ihr Team verstehen sich als Verteidiger der Menschenrechte. Das heißt, sie machen Bewusstseinsbildung, kümmern sich um Frauen und junge Mädchen, die misshandelt wurden, bieten ihnen Beratung an und begleiten sie durch den schweren Weg der Justiz. Ihre „Peace and Reconciliation“-Arbeit beindruckte mich am meisten. Ich fühle mich nach wie vor privilegiert, dass ich daran teilnehmen und einige davon filmisch dokumentieren konnte. Ein besonderer Workshop bleibt dabei in meiner Erinnerung. Im Raum sind Community Leaders, die Kirche, Frauen- und Jugendvertreter. Aber vor allem die Täter und die Opfer des Bürgerkrieges. Ich fühlte, wie die Wunden des Krieges noch schmerzhaft waren, und bewunderte die große Feinfühligkeit, mit der die Moderatoren versuchten, die Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft zu schaffen, die noch offenen Wunden zu heilen und die Gräben zu schließen. Ich dachte oft daran, wie es wohl nach dem Zweiten Weltkrieg für unsere Großeltern oder Eltern gewesen sein muss. Da gab es diese Hilfe zur Bewältigung nicht und viele Menschen lebten mit der Schuld oder Klage bis zu ihrem Tod.


Beno Kamewo studierte in England und war Koordinator unserer Partnerorganisation NGOPRO in Madang. Aktuell ist er bei NGOPRO Board-Member (Aufsichtsrat). Er ist in Rente und lebt mit seiner Frau in einer Buschhütte ohne Strom und fließend Wasser. Er erntet die Früchte seines Gartens und hat sich fast komplett aus dem modernen Geldsystem ausgeklinkt.

Carsten: Was ist das erste was dir morgens durch den Kopf geht?

Beno: Zur Zeit: Schnapp dir das Buschmesser. Beende, was von gestern übrig geblieben ist: Gartenarbeiten, Bananen pflanzen. – Ich muss für mein Überleben arbeiten. Das ist normales Dorfleben.

Carsten: Du hattest eine Karriere in der lutherischen Kirche und in anderen NGOs, eine gute Ausbildung, ein bescheidenes Gehalt und ein gutes Haus. Jetzt, nach dem Abschied aus dem bezahlten Berufsleben lebst du in einer einfachen Hütte, ohne Strom und fließend Wasser, abseits der geteerten Straße. Wie ist das?

Beno: Das ist eine ganz andere Erfahrung, nach dem angenehmen Leben, das ich vorher hatte. Ich muss mich wieder an das wirkliche Leben im Dorf anpassen. Ich habe mir einen Ort nicht weit von der Stadt mit all den öffentlichen Dienstleistungen ausgesucht. Und nicht zu weit weg von meinen eigenen familiären Wurzeln und meinem traditionellen Land. Ich versuche einen Platz in der Mitte zu finden, einen Kompromiss. Ich glaube der Ort, an dem ich jetzt lebe, trifft meine Bedürfnisse ganz gut.

Carsten: Leben ohne Geld?

Beno: Ich glaube, das ist gut. Es ist auch wichtig für mich. Es gibt viele Kinder, die zur Schule gehen und denen sich danach keine Möglichkeiten öffnen. Sie fallen in eines der Extreme – Dorfleben, halbstädtisches, städtisches oder Squatter-Siedlungs-Leben. Ich habe erfahren, dass ich meine Familie in meine Situation „mitgenommen“ habe. Wegen mir konnten sie ein angenehmes städtisches Leben führen. Aber sobald sie mit der Schule fertig sind, werden sie in eines der anderen Extreme zurückfallen. Da habe ich realisiert: Ich muss etwas ändern. Das war auch einer der Gründe, warum ich NGOPRO als Koordinator verlassen habe. Ich bin zurück nach Lae, in unsere Heimatprovinz, gegangen. Um meinen Kindern zu helfen sich anzupassen, ihre Schul- und Ausbildung zu beenden und Arbeit zu finden.

Mit der Situation jetzt fühle ich mich wohl. Ich hab die richtige Entscheidung getroffen. Noch geht kein Kind auf die Uni oder ins College. Zwei von den jüngeren habe ich ganz nach Hause geschickt, in mein Dorf im Mape Distrikt, wo sie bei meiner Familie leben. Sie kannten ihre Familie noch gar nicht. Wenn ich nicht mehr arbeite, werde ich dort einen Platz haben. Menschen, die nicht im Kontakt mit ihrem Heimatdorf bleiben, haben später Schwierigkeiten.

Carsten: Du hast fast dein ganzes Leben in der Entwicklungszusammenarbeit gearbeitet. Was würdest du einem Kritiker in Österreich sagen, der Österreichs Engagement in PNG beenden will?

Beno: Österreichs Engagement in PNG ist sehr wichtig und hat eine lange Geschichte. Ohne viel Aufhebens hat sie über die Jahre viel beigetragen. Vor allem bei den Graswurzel-Organisationen in der Zivilgesellschaft. Viele andere sogenannte Geberstaaten machen viel mehr Aufhebens um das Geleistete. Ein Beispiel ist NGOPRO: Als der Deutsche Entwicklungsdienst noch im Land war, hatte er sich sehr für den Aufbau der Zivilgesellschaft engagiert. Als die Deutschen 2006 das Land verließen, stand Österreich bereit, die begonnene Arbeit weiterzuführen. Daraus ist NGOPRO entstanden. HORIZONT3000 ist eine großartige Organisation – im Sinne von partnerschaftlicher Arbeit. Natürlich arbeiten sie international mit einer eigenen Entwicklungsagenda, aber sie lassen sich auch auf lokale Bedürfnisse ein. Zum Beispiel auf den Aufbau von Kapazitäten an den Wurzeln der Gesellschaft.  Ich habe nicht das Gefühl, dass die österreichischen Organisationen hier sind um ihre eigene Agenda durchzusetzen. Das ist bei einigen Übersee-Institutionen anders. Viele kommen mit ihren eigenen Geldern, eigenem Personal und eigenen Zielen. Wenn sie etwas tun, dann um ihre eigenen Entwicklungsziele zu erreichen. Wenn sie ihre „Funding Policies“ und Ansätze ändern, treiben sie uns doch nur in die Richtung, in die sie uns gehen sehen wollen (Im Original: „They drive us the way they want us to go.“).

Carsten: Könnten österreiche Projektmitarbeiter durch australische Consultants ersetzt werden?

Beno: Ja. Vielleicht langfristig. Wir können drüber nachdenken. Aber die eigentliche Frage ist: Wie können wir selbst unsere Kapazitäten aufbauen? Kulinarisch gesprochen: Zutaten und Gewürze von außen verändern zwar den Geschmack, aber nicht die Grundsubstanz des Gerichts. Auf den Aufbau lokaler Kapazitäten im Management von NGOPRO oder anderen Organisationen kommt es an. Das aktuelle Arrangement mit HORIZONT3000 hilft dabei: Die ÖsterreicherInnen kommen für einige Jahre mit einer konkreten Aufgabe, lassen sich auf ihr Umfeld ein und bringen sich in die Organisation ein.

Carsten: Was wäre das erste, das du tun würdest, wärest du Entwicklungsminister in PNG?

Beno: Einen Blick auf die aktuelle Entwicklungsagenda des Landes werfen. Sehen, was funktioniert und was nicht. Und alle wichtigen Akteure zusammenbringen. Viele verpflichten sich, stellen Budgets zur Verfügung, aber wenn es an die Umsetzung geht, scheitern sie.

Carsten: Du hast für deine Leute in deiner Heimatgegend kürzlich eine eigene Entwicklungs-NGO gegründet. Warum?

Beno: MAKINI Integrated Development Agency. MAKINI ist der Name meiner Community. Sie ist um die Landebahn herum entstanden, die unsere Väter gebaut haben um Anschluss an die Aussenwelt zu bekommen, zusammen mit Schulen und der Gesundheitsstation. Das war nicht meine Idee. Meine Leute haben danach gefragt. Das hängt mit unserer Geschichte zusammen. Die letzten 30 bis 40 Jahre gab es wenige Angebote für unsere Community. Die Menschen fühlen sich vernachlässigt. Sie fragen, ob es nicht andere Wege gibt, uns selbst zu helfen. Dann haben sie mich gefragt, ob ich den Prozess nicht begleiten könne, da ich jetzt ja Zeit habe. Zunächst hat sich der Pastor vor die Gemeinde gestellt und gemeint „Beno, du weißt, wie man Anträge schreibt. Warum schreibst du uns nicht einen für 10 Millionen Kina (ca. 3 bis 4 Mio. Euro)?“ Da bin ich aufgestanden und habe erwidert: „Geld ist nicht das Problem, aber wir brauchen eine Möglichkeit, Geld und Projekte zu managen.“ Das ist jetzt unsere Gruppe. Natürlich war der Pastor mit dieser Antwort nicht glücklich. Wir haben dann mit einem dreitägigen Seminar begonnen und Freiwillige und die wichtigsten Leute aus dem Dorf eingeladen um uns erst mal über unsere Ziele, Wünsche und Bedürfnisse klar zu werden. Danach haben wir dann unsere neue Organisation registriert, was bis Mai diesen Jahres gedauert hat.

Carsten: Was sollten neu ausreisende ProjektmitarbeiterInnen in PNG beherzigen?

Papua-Neuguinea ist eine multikulturelle Gesellschaft mit einer Vielfalt an Kulturen. Das müssen Menschen im Personaleinsatz berücksichtigen. Vorgefertigte Ideen und Rezepte, wie man PNG denn entwickeln müsste, kann man nicht eins zu eins umsetzen. Sie müssen an die lokale Realität angepasst werden. Lokal, global, glokal: Es gilt, dass Menschen von anderen Ländern und Kulturen mit Menschen von hier gemeinsam etwas Neues entwickeln. Sie müssen schauen, was sie kombinieren können und wo etwas Neues entstehen kann – aus den lokalen und globalen Fähigkeiten, Erfahrungen und Ideen.

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