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Doppelinterview mit Charlie Gehrke und Edridah Mugisha


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„Mir gefällt der Ansatz statt Geld lieber Wissen zu bringen.“ – Anlässlich des Projektendes unseres Projektmitarbeiters Charlie Gehrke bringen wir ein Interview mit ihm und seiner Kollegin Edridah Mugisha. Das Interview wurde 2013 von Daniel Kneringer geführt, der damals in der Öffentlichkeitsarbeit ein Praktikum absolvierte. HORIZONT3000 entsendet Menschen, die das erste Mal auf Einsatz gehen, aber ebenso erfahrene Expertinnen und Experten wie den Psychologen Charlie Gehrke; das Profil hängt stark von den Anforderungen unserer Partnerorganisationen ab. Charlie Gehrke beriet in Kampala die Dachorganisation Uganda Cooperative Alliance in Monitoring und Evaluierung.

Wie gefällt es dir am Einsatzort?

Charlie: Ich sollte wohl zuerst mal erklären, dass ich gar nicht neu in Uganda beziehungsweise Afrika bin. Seit rund 25 Jahren bin ich immer wieder beruflich und auch privat hier gewesen und habe Somalia, Äthiopien, Kenia, Malawi, Sambia, Tansania, DR Kongo, Burundi und Ruanda kennengelernt. Gemeinsam mit meiner Frau lebe ich jetzt seit vier Jahren in Uganda, und nach dieser Zeit ist man hier so heimisch, dass man genau wie früher in Europa ganz normal täglich zur Arbeit geht. Wie anders das Leben gegenüber Europa ist, fällt eigentlich nur dann auf, wenn mal wieder ein Besuch in Deutschland gemacht wird und Freunde und Verwandte mit offenem Mund staunend die Geschichten hören wollen und nicht genug bekommen. Und meine Probleme fangen an, wenn ich plötzlich wieder auf der rechten Straßenseite fahren muss …

Aus welchem Grund nach so viel Afrika-Erfahrung nun das Land Uganda und weshalb über die Organisation HORIZONT3000?

Charlie: Uganda ergab sich eher zufällig, weil meine Frau und ich nicht länger im Kongo arbeiten wollten. In solchen Krisen- und Kriegsgebieten sollte man meiner Meinung nach nicht länger als ein oder zwei Jahre durchgängig bleiben, es verändert einen doch sehr. Meine Frau ist in Uganda fest angestellt bei einer großen deutschen EZA-Organisation, und ich habe recht erfolgreich selbständig als Berater für IT sowie Monitoring & Evaluation für verschiedene Organisationen gearbeitet. Ich war eigentlich gar nicht auf Stellensuche, sah aber eines Tages die Stellenausschreibung von HORIZONT3000. Uganda Cooperative Alliance ist eine landesweite Dachorganisation für kleine Genossenschaften und kämpft für eine ländliche Entwicklung „aus der Graswurzel heraus“, durch Zusammenschlüsse zu kleinen Genossenschaften mit vereinten Kräften. Dies oft genug gegen Widerstände und Misstrauen der Regierung, denen derartig „demokratische“ Ansätze und Zusammenschlüsse suspekt und ein Dorn im Auge sind. Ich hatte diese Organisation schon seit einer Weile aus der Distanz heraus beobachtet und fand sie sehr wichtig für Uganda. Was mir bei HORIZONT3000 besonders gefällt, ist der Ansatz, statt Geld lieber Wissen zu bringen.

Mit welchen Herausforderungen und Problemen hast du innerhalb deines Projekts zu kämpfen?

Charlie: Zuvor als Consultant habe ich stets selbst als Manager gehandelt, hatte zu meinen Aufgaben klar geregelte Befugnisse, habe Anordnungen gegeben. Nun besteht meine Aufgabe zwar ebenfalls im Erreichen der gesteckten Ziele, aber auf dem Umweg „Capacity Building“, also meinen Counterpart so zu unterstützen, zu fördern und auch auszubilden, dass sie an meiner Stelle gute Entscheidungen treffen kann und wir die gesteckten Ziele erreichen. Ich selbst habe keinerlei Weisungsbefugnisse. Alles, was ich tun kann, ist meinem Counterpart und der ganzen Abteilung nach besten Kräften all mein Wissen und meine Erfahrung zur Verfügung zu stellen. Und zu hoffen, dass dies auch aufgenommen wird und wir auf einen guten Weg kommen. Diese Geduld, Einfühlungsvermögen zu haben, Zurückhaltung zu üben und Ungewissheit auszuhalten ist erheblich schwieriger, als einfach nur selbst ein guter Manager zu sein.

Was waren die bislang schönsten Momente?

Charlie: Oh, da gibt es so viele, dass ich nicht weiß, wo ich anfangen soll. Am schönsten für mich ist, dass ich nicht nur hier in der Zentrale in der Hauptstadt auf sehr hohem Niveau fachlich gefordert arbeiten kann, sondern ebenso oft dazu komme ländliche Kleinst-Genossenschaften und einzelne Farmer zu besuchen. Zwei bis dreimal im Jahr unternehmen wir Revisions-Besuche in ländlichen Genossenschaften in ganz Uganda. Das bedeutet jedes Mal ca. fünf bis sechs Wochen im Allrad unterwegs zu sein, nach stundenlangen Hoppelpisten oder Schlamm-Fahrten extrem entlegene Orte kennen zu lernen. Plötzlich steht dann hinter einer Kurve auf der Straße eine Herde wildlebender Elefanten oder zwanzig Giraffen oder ein wilder bösartiger Büffel-Einzelgänger, auch eine Pavian Herde ist möglich. Ich bin unendlich dankbar dafür, dass ich diese Anblicke und Momente noch erleben darf, denn ich fürchte, dass es derartige freilebende Tiere, die „Big Five“, schon sehr bald nicht mehr geben wird und dass schon die Generation nach uns solche Erlebnisse nur noch in Büchern nachlesen kann.

Was möchtest du in Uganda bewirken, welches Ziel möchtest du bis zu deiner Abreise erreichen?

Charlie: Zum ersten Teil der Frage: Da bin ich aus Erfahrung sehr bescheiden geworden. Was man als Neuling aus Europa als erstes lernt ist: Von deiner „europäischen“ Planung kannst Du gleich mal 50 % wegstreichen. Und wenn du von den verbleibenden 50 % die Hälfte schaffst, dann bist du wirklich gut. Inhaltlich möchte ich bewirken, dass aus meinem Wirken wenigstens zwei oder drei Menschen hier so viel wie irgend möglich von mir gelernt und behalten haben. Und wenn dann diese zwei oder drei Menschen wieder dasselbe tun und daraus vier bis sechs weitere geworden sind, das wäre, was ich mir wünsche.

Stichwort „Kulturschock“: Alles nur Humbug oder hat es dich eiskalt erwischt?

Charlie: Das ist ein schwieriges Thema. Ja, ich hatte einen, und bisher jeder, der aus Europa zu uns zu Besuch kam, hatte einen. Das vielleicht Unerwartete ist: Ich habe ihn auch nach 25 Jahren noch und tue alles dafür, dass das so bleibt. Warum? Weil ich mich nicht einfach bequem anpassen und es mir gut gehen lassen, sondern die Unzufriedenheit darüber in mir wach und lebendig halten möchte, dass hier keineswegs alles in Ordnung ist. Deshalb trage ich auch nach vielen Jahren immer noch Europa UND Afrika in mir herum und vergleiche und frage mich „Warum gibt es all diese Unterschiede, welche davon sind okay und welche nicht und was können wir tun, um etwas zu verändern?“. Ich habe viele langjährige Entwicklungshelferinnen und Entwicklungshelfer gesehen, die sich inzwischen perfekt mit allem abgefunden haben und sich über nichts mehr aufregen können. Zu diesen möchte ich nicht gehören.

Was möchtest du zukünftigen Ausreisenden mit auf den Weg geben?

Charlie: Ich bewundere meinen jungen Freund und Kollegen Thomas, der als völliger Afrika-Neuling und auf ganz entspannte Weise seinen Einstieg hier gefunden hat und tolle Arbeit leistet. Ein Wiener in der Pampa, und „s’gfollt eam“. Wer es schafft, positiv und offen zu starten, eine gute Mischung aus Veränderungsbereitschaft und zugleich aber auch festen Prinzipien zu haben (und auch auszuhalten, wenn sich beides nicht in Einklang bringen lässt), der wird seinen Weg finden. Auf jeden Fall wartet hier ein unglaublich tolles Team von Kollegen, die jederzeit füreinander da sind, also: Hakuna matata.


 „Charlie kam als Arbeitskollege zu uns, nicht als Boss.“ – Edridah Mugisha, Counterpart von Charlie Gehrke bei der Uganda Cooperative Alliance, im Interview mit Daniel Kneringer

Wie funktioniert die Zusammenarbeit zwischen dir und Charlie?

Edridah: Meine Zusammenarbeit mit Charlie ist großartig. Ich bin nicht nur eine Arbeitskollegin von ihm, sondern er ist beinahe wie ein Bruder für mich. Ich nahm deshalb auch die Gelegenheit wahr seine Frau und ihn einzuladen, als ich meinen Master-Abschluss letzten Monat bei mir zu Hause gefeiert habe. Das zeigt, wie nahe das Paar meiner Familie steht. Was die Arbeit betrifft, so sind Charlie und ich eigentlich immer gemeinsam unterwegs, sowohl im Büro, als auch „im Feld“. Wir treffen uns jeden Morgen und besprechen alle relevanten Angelegenheiten des Tages. Wir haben schon an vielen Dingen gemeinsam gearbeitet, wobei er immer eine sehr große Hilfe darstellt. Ich hatte zum Beispiel nie Grundlagenkenntnisse im Bereich Monitoring und Evaluierung (M&E), aber ich hoffe, dass ich mir bis zu seinem Ausscheiden aus unserer Organisation zumindest einen Bruchteil seines Fachwissens angeeignet habe. Wir haben mit Charlie unter anderem einen Plan ausgearbeitet, der uns die Planung und Dokumentation der vielen Aufgaben der M&E-Abteilung erlaubt. Individuelle Trainings in Excel, MindMap, Cloud Computing und auch in der Netzwerk-Administration und im Monitoring wurden darüber hinaus für das Personal abgehalten bzw. sind noch im Gange.

Glaubst du, dass Herausforderungen aufgrund von kulturellen Unterschieden noch auf euch zukommen werden?

Edridah: Ganz sicher nicht! Wenn es Herausforderungen geben sollte, wären sie am Anfang aufgetreten. Charlie kam als Arbeitskollege zu uns, nicht als Boss. Was er auch tut, er bespricht es zuerst mit uns, und wir müssen allen Handlungen zustimmen. Er ist sehr gut in dem was er tut, sehr sozial, freundlich und vor allem sehr respektvoll zu jedem Einzelnen innerhalb unserer Organisation. Ich als sein Counterpart war bereits einmal für zwei Jahre mit meiner Familie in Deutschland, als mein Ehemann sein Doktorat absolvierte. Aus diesem Grund habe ich sehr viele deutsche Freunde und Charlie wurde sozusagen diesem Freundeskreis hinzugefügt. Aus diesem Grund sind keine kulturellen Unterschiede und Barrieren zwischen uns aufgetreten.

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