Margit Ganster-Breidler

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Margit Ganster-Breidler war von 2008 bis 2010 in Madang in Papua-Neuguinea tätig. Zu ihren Aufgaben zählte der Aufbau eines Beratungszentrums, in dem vor allem von Gewalt betroffene Frauen und Kinder, aber auch Familien Unterstützung bekommen sollen. 

Ein weiterer Bereich betraf die Entwicklung eines Curriculums für eine BeraterInnen-Ausbildung an der Divine Word University und in weiterer Folge auch die Umsetzung dieser Ausbildung. Die Psychotherapeutin und Trauma-Expertin aus Graz arbeitete auch an verschiedenen Möglichkeiten, um das komplexe Feld der häuslichen und sexuellen Gewalt in die Öffentlichkeit zu tragen und damit Bewusstseins-Arbeit zu leisten.  Eines dieser Projekte stellen wir im Rahmen des folgenden Interviews vor.


Look - this is my Nana!

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HORIZONT3000: Im Rahmen deines Einsatzes gab es ein Projekt – die Nanas. Wie bist du auf diese Figuren, die man ja von der französischen Künstlerin Niki de Saint Phalle kennt, gekommen?

Margit: Zu Beginn meines Einsatzes in Papua Neuguinea wohnte ich in Madang in einem Viertel in der Nähe des Flughafens. Eine Gegend, in der man am besten bei Anbruch der Dunkelheit zu Hause war. Dunkel wird es in diesen Breiten bereits um 18.30 Uhr, ich verbrachte also viele Abende alleine mit mir selbst und bastelte mir in dieser Anfangszeit meine eigene Nana.


HORIZONT3000: Und hast die Idee dann später wieder aufgegriffen? 

Margit: Genau, später fand ich dann eine Wohnung in einem sichereren Teil der Stadt, die Nana kam natürlich mit und in mir reifte die Überlegung, sie in irgendeiner Form in meine Arbeit einzubauen.

HORIZONT3000: Wofür steht denn so eine Nana eigentlich?

Margit: Diese Frauenfiguren gab es bei Niki Saint Phalle in allen möglichen Größen, von ein paar Zentimetern bis hin zu Skulpturen in Dimensionen eines Wohnhauses. Ihnen allen gemein ist die fröhliche, bunte Ausgestaltung und ihre betont üppigen und runden Formen. Eine Nana repräsentiert weibliche Kraft und Stärke.


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HORIZONT3000: Die Künstlerin verarbeitete in der Herstellung ihrer Nanas aber auch ihre persönlichen Gewalt- und Missbrauchserfahrungen. Gibt es da einen Zusammenhang zu euren Nanas?

Margit: Ja, den gibt es. Papua Neuguinea ist leider bekannt für ein hohes Maß an Gewalt, insbesondere im familiären Umfeld und an Frauen. Nach einer von uns durchgeführten Befragung haben zwei Drittel der befragten 200 Frauen physische und auch sexuelle Gewalt erfahren. Diesen doch recht hohen Anteil bestätigen auch andere Studien, wie etwa eine Studie der Law and Reform Commission, die zwischen 1982 und 1986 in 16 Provinzen in PNG durchgeführt wurde.


HORIZONT3000: Du hast also schon länger die Idee für einen Nana-Workshop mit dir herumgetragen, was war dann der Anlass zur Umsetzung?

Margit: Ich wollte auf verschiedenen Wegen Kontakt zu Frauen und dem Thema Gewalt finden. Meine Kollegin Julie Bengi, mit der ich ein Jahr das Büro auf der Divine Word University teilte, war mir eine wichtige und wertvolle Gesprächspartnerin und Freundin geworden. Mit ihr plante ich das Symposium ‚Culture & Violence’ und es bot sich an, im Vorfeld einen Workshop zu machen.
Damit konnten wir das Thema gleich auf verschiedenen Ebenen angehen. Wir wollten die Frauen mit der Gestaltung der Nanas mit ihrer eigenen Kraft in Verbindung bringen und durch die Positionierung der Nanas im öffentlichen Raum, Aufmerksamkeit für unser Anliegen wecken und natürlich auch das geplante Symposium bewerben.


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HORIZONT3000: Wer hat sich denn zu eurem Workshop angemeldet? Waren da nur Frauen von der Universität dabei oder andere auch?

Margit: Die Gruppe war bunt gemischt, aus Frauen unterschiedlicher sozialer Schichten zusammengesetzt – Professorinnen und Studentinnen der Universität, aber auch Frauen aus den Settlements – meist illegale - Siedlungen ohne Wasser, Strom und Kanalisation. Wir haben den Workshop über verschiedenste Kanäle beworben, es gab zahlreiche Interessentinnen, aber letztendlich doch nur 13 TeilnehmerInnen.

Zwei Wochenenden waren ursprünglich veranschlagt, aber wir mussten noch ein drittes dranhängen. Die Frauen konnten sich nicht das ganze Wochenende frei machen, sie hatten traditionellerweise Haushalt und Einkauf zu erledigen und die Familie zu versorgen. Somit fingen wir meist erst Samstag nachmittags an.


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HORIZONT3000: Nun ging es ja nicht nur darum, Pappmaché-Puppen herzustellen, in diesen Gestaltungsprozess fließt ja einiges mit ein: Die Auseinandersetzung mit der eigenen Gewalterfahrung, das eigene Frauenbild und das der Gesellschaft, die Gruppendynamik... Wie hast du diesen Prozess begleitet?

Margit: Der Workshop war klar ressourcenorientiert angelegt, über das Frauenbild und das der Gesellschaft wurde in einer Art ‚open space’ gesprochen. Ich war in dem ganzen Prozess einfach präsent, habe aber in den Prozess der Gestaltung nicht eingegriffen, sondern, wenn nötig, unterstützt und Gespräche angeregt.


HORIZONT3000: Hast du ihnen über Niki de Saint Phalle erzählt?

Margit: Ja, und ich habe den Frauen auch Fotos von ihren Nanas gezeigt. Den Einstieg in die Thematik machte eine geführte Imagination, eine Phantasiereise, im Verlauf derer die Frauen mit ihrer eigenen Kraft in Berührung kommen. Dann ging es los mit der Gestaltung, die Teilnehmerinnen schauten erst zu und fanden sich von selbst in kleinen Grüppchen zusammen, die gemeinsam an einer Nana arbeiteten.


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HORIZONT3000: Manche Nanas haben Gesichter, manche nicht. War das beabsichtigt?

Margit: Niki de Saint Phalle hat absichtlich keine Gesichter auf ihre Nanas gemalt, weil die Nanas für sie keine bestimmte Frau darstellten, sondern die Frau als Kind, erwachsene Frau und weise Frau. Auch darüber hab ich gesprochen, und auch meine Nana hatte kein Gesicht. Manche haben sich dann doch entschieden, ein, oder sogar mehrere Gesichter zu malen. Die Nana auf dem Markt zeigt eine Bemalung, die in den Western Highlands üblich ist. Ihre Schöpferin kommt von dort.


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HORIZONT3000: Das ist ja schon auch eine aufwändige Arbeit, hat die Motivation nicht nachgelassen zwischendurch?

Margit: Es fiel immer wieder mal eine der Frauen aus, aber nie war eine Nana gänzlich unbetreut. Die Herstellung verlangt schon einiges an Geduld ab, zuerst muss man den Körper der Skulptur aus Maschengitter zurechtbiegen. Anschließend wird ein Pappmachébrei aufgetragen – eine Mischung aus Zeitungspapier, Küchenrolle und Kleber. Das ist gar nicht so einfach, da dran zu bleiben, erfordert einen langen Atem.

Eigentlich waren alle mit Eifer bei der Sache, aber ganz besonders engagiert hatte sich Pauline, eine Frau aus den Settlements, sie kam an allen Tagen, immer pünktlich und arbeitete hingebungsvoll an ihrer Nana. Sie war einfach ganz besonders stolz darauf, an so einem Workshop teilnehmen zu können.


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HORIZONT3000: Aber die Frauen waren stolz auf ihre Nanas?

Margit: Und wie! Insbesondere Pauline, die Frau aus dem Settlement – sie hat ihre Nana hochgehoben, ist auf dem Markt herumspaziert und hat immer gerufen: “Look, this is my Nana, look, my Nana is beautiful!“

HORIZONT3000: Euer Thema – und das des Symposiums – lautete ja ‚Culture and Violence’. Seid ihr damit auf offene Ohren gestoßen?

Margit: Unterschiedlich würde ich sagen. Beim Polizeidepartement zeigte sich der Polizist sehr verständnisvoll für unser Anliegen – Vermeidung von häuslicher Gewalt. Andererseits wusste ich aber von einer Kollegin, dass genau derselbe Polizist seine Frau bereits mehrfach verprügelt hat. Es herrscht da eine gewisse Doppelmoral vor. Im Krankenhaus erzählte uns eine Krankenschwester, dass sie manchmal drei - bis vierjährige Mädchen aufnehmen müssen, die Opfer sexuellen Missbrauchs, geworden sind. Leider gibt es für solche Mädchen oder Frauen, die sexuelle Gewalt erleben, meist keine adäquate Beratung oder Unterstützung.


HORIZONT3000: Und wie war es beim Gouverneur von Madang, ihr wolltet dort ja nur ein Foto machen?

Margit: Ja, wir kamen ja unangekündigt. Als er erfuhr, dass wir da waren, bat er uns zu sich. Wir haben uns eine ganze Stunde lang über das Thema ‚Gewalt an Frauen’ unterhalten, er war sehr interessiert.


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HORIZONT3000: Wie war denn nun das Symposium besucht, kamen auch Frauen aus den Settlements?

Margit: Insgesamt gab es 250 TeilnehmerInnen, Männer und Frauen aus ganz Papua Neuguinea, teilweise auch aus dem Ausland. Aus den Settlements kamen leider nur wenige Menschen, da war die Hemmschwelle wohl doch zu hoch. Es gab jede Menge Vorträge, Diskussionen und Workshops, und auch das Video über die Reise der Nanas durch Madang wurde präsentiert. Die Ergebnisse der Konferenz werden heuer in Buchform präsentiert, das ist derzeit in Vorbereitung.


HORIZONT3000: Gab es denn konkrete Ergebnisse?

Margit: Ursprünglich hätten wir uns konkrete Ideen für nächste Schritte, etwa für die Entwicklung eines standardisierten Trainings für BeraterInnen, erhofft. Aber es gab offensichtlich großen Diskussionsbedarf, der erst einmal gestillt werden musste. Ich bin aber überzeugt davon, dass wir viele kleine Steine ins Rollen gebracht haben. Das wirkt nach.


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HORIZONT3000: Du hast ja nun deinen Einsatz beendet, dein Engagement in Papua Neuguinea wird aber weitergehen.

Margit: Ja, während meines Einsatzes habe ich ja am Aufbau der Ausbildung von Trauma-ExpertInnen mitgearbeitet. Insgesamt haben wir in dieser Zeit 155 Trauma-BeraterInnen ausgebildet. Ich bin nach wie vor in Kontakt mit dem Family Sexual Violence Action Committee, das  eine Councelling Association gründen will und hoffe, dass ich wieder nach Papua Neuguinea fliegen werde, um an der Standardisierung und der Entwicklung eines Trainings für BeraterInnen mitzuwirken. Aber alles ist von mehreren Faktoren abhängig, in erster Linie natürlich davon, ob wir Geldgeber dafür finden.

 


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HORIZONT3000: Du bleibst dem Land und der Thematik also erhalten! Was ist eigentlich aus den Nanas geworden?

Margit: Ein paar sind auf dem Uni-Gelände geblieben. Eine Nana steht in der Rechtsberatung für Frauen. Ein Arzt des Krankenhauses in Madang, der beim Symposium einen sehr anschaulichen Vortrag über seine fast täglichen Erfahrungen mit von Gewalt betroffenen Frauen hielt, war von den Nanas angetan, so hab ich meine dem Krankenhaus in Madang vermacht.

HORIZONT3000: Danke für das Gespräch!


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Papua-Neuguinea, TischlerIn/ZimmererIn für St. Josephs College Mabiri

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African Press Day 2010

23. - 24.9.2010

Radio Afrika TV nimmt die Fußball WM zum Anlass, die österreichische Medienpolitik Afrika bzw. AfrikanerInnen betreffend zu analysieren. Ziel ist es, dass sich besonders die Medienentscheidungsträger sowie die öffentliche Meinung in Österreich, mit Ereignissen und Entwicklungen in Afrika sowie mit der Lage der AfrikanerInnen in ihrer Heimat oder in Gastländern, und auch mit der medialen Berichterstattung darüber, auseinandersetzen.

Teilnahmegebühr: 100 Euro (StudentInnen ermäßigt)
Anmeldung unter: office@radioafrika.net
Anmeldeschluss: 05.09.2010

Details und Anmeldung unter: http://www.radioafrika.net/2010/08/10/african-press-day-afrikas-dimension-in-der-westlichen-medienlandschaft/


Oikocredit MultiplikatorInnen-Workshops

3.9.2010 in Wien und 24.9.2010 in Graz

Oikocredit bietet in Österreich eine Möglichkeit, Geld sozial nachhaltig zu veranlagen und Mikrokredit-Projekte in 70 Ländern weltweit zu fördern. Bei den MultiplikatorInnen-Workshops erhalten Sie detaillierte Informationen über Oikocredit, können einzelne Fragen diskutieren und es wird gemeinsam überlegt, wie wir den Bekanntheitsgrad dieser Initiative in Österreich steigern können.

Nähere Informationen und Anmeldung unter http://www.oikocredit.org/site/at/


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