von

Indigene Frauen in der Ausübung der Mayajustiz


Kategorien Allgemein

Das indigene Recht ist ein fester Bestandteil des Lebens im Hochland von Guatemala – es steht allerdings vor großen Herausforderungen. Ein Projekt von horizont3000 mit Ixoqib‘ MIRIAM (finanziert durch BMEIA und kfb) wirkt sowohl der staatlichen Kriminalisierung als auch dem inneren Machismo entgegen.

Bei Demonstrationen und Mobilisierungen stehen Frauen in vorderster Reihe. Die traditionellen Mayaautoritäten, die zum größten Teil aus Männern bestehen, erkennen jedoch meistens nicht an, dass auch Frauen einen wichtigen Teil zur Rechtsprechung und soziopolitischen Organisation in den Dörfern leisten. Die Arbeit indigener Frauen als traditionelle Autoritäten ist für die Gemeinden von großer Bedeutung und stärkt ihre Rolle als aktive politische Akteurinnen und Hüterinnen von Recht und Gerechtigkeit. Außerdem sind sie in der Prävention von genderbasierter Gewalt tätig und betreuen auch Gewaltopfer. Wie auf dem Bild zu sehen, tragen sie einen Stab als Zeichen ihrer Autorität in der Gemeinschaft.

Anfangs wurde die Teilnahme von Frauen an gemeinschaftlichen Organisationsformen von männlichen Kollegen nicht als normal angesehen, sagt Rosa Petrona Hernández, eine indigene Autorität von Xatinab, Santa Cruz del Quiché. Sie fährt fort: „Jetzt wird unsere Beteiligung als notwendig angesehen, denn um Konflikte zu lösen, muss sie aus der Perspektive von Männern und Frauen diskutiert werden. Unsere Meinung zählt.“ Doña María Lucas de Zapeta, arbeitet seit mehr als 20 Jahren an der Seite ihres Mannes Don Mateo Zapeta, beide aktive traditionelle Autoritäten, die viele Konflikte in den Dörfern lösen. Sie sagt, dass sie Monate damit verbringen könnten, um über ihre Erfahrungen mit einer Vielzahl von verschiedenen Arten von Konflikten zu sprechen.

Es gibt jedoch immer noch Menschen, vor allem in den Städten und in nicht-indigenen Gebieten, die die Legitimität der indigenen Autoritäten in Frage stellen. Das Argument lautet, dass es in einem Land nicht zwei Rechtssysteme geben kann und dass in Guatemala jeder ohne Unterschied dem staatlichen Rechtssystem unterworfen werden sollte. Doch die Realität ist eine andere: das staatliche Justizsystem ist nicht in der Lage, den Bedürfnissen der guatemaltekischen Bevölkerung gerecht zu werden, weil es weder über genügend personelle und finanzielle Ressourcen verfügt, noch territoriale Präsenz in allen Gebieten garantieren kann. Hohe persönliche Kosten und lange Verfahrensdauern, tragen ihre dazu bei, dass viele Bürger:innen, ihre Streitigkeiten mitunter auch gewaltsam lösen.[i]

Die Maya-Justiz funktioniert hingegen demokratisch, kostenlos und schnell. Die traditionellen Autoritäten, die Recht sprechen, werden auf öffentlichen Versammlungen für eine Funktionsperiode gewählt, gewöhnlich für ein Jahr. Sie erfüllen ihre Funktion ehrenamtlich, wodurch für die Nutzer keine Kosten anfallen.

Dabei ist die Maya-Justiz eine Gemeinschaftsjustiz: die kommunalen Autoritäten beraten gemeinsam mit der straffälligen und der geschädigten Person und deren Familien, wie der Konflikt gelöst und der Schaden wiedergutgemacht werden kann.

Sebastiana Par, traditionelle Rechtsprecherin und Koordinatorin eines Projektes von horizont3000 und Ixoqib‘ MIRIAM (finanziert vom BMEIA und der kfb), das die Teilnahme an Frauen an der Rechtsprechung und Mediation als Methode der Konfliktlösung stärken soll, bringt die Essenz der Maya-Justiz auf den Punkt:

„Die Identität der indigenen Völker ist kollektiv, ebenso wie die Verantwortung. Bei der Wiederherstellung der Harmonie in der Gemeinschaft ist es entscheidend zu sehen, was in den Beziehungen zwischen den Menschen, aus denen sie besteht, schiefgelaufen ist. Du hörst der Person zu, die versagt hat, und denen, die das Unrecht erlitten haben. Die Rolle der Autoritäten besteht darin, zuzuhören, und sie tun dies auf einfühlsame Weise. Das Wichtigste an diesen Resolutionen ist die Wiederherstellung des Gleichgewichts und der Harmonie in den Beziehungen zwischen en am Konflikt beteiligten Personen. Wenn wir diese Idee des rationalen Individuums, die wir von der europäischen Moderne geerbt haben, beiseitelassen und die Möglichkeit in Betracht ziehen, uns in Beziehung zueinander zu sehen, miteinander und mit der Natur, könnten wir den Menschen, die Fehler begangen haben, helfen und uns als Gemeinschaft heilen.“

In dem Projekt, das Sebastiana Par leitet, wurden in diesem Jahr 12 traditionelle Autoritäten geschult (9 von ihnen Frauen). 122 Mediationen wurden durchgeführt bei denen in 95 % der Fälle eine Einigung erzielt wurde. Die Initiative für eine stärkere Beteiligung von Frauen als traditionelle Autoritäten, wurde sowohl von den Frauen als auch den Gemeinschaften außerordentlich gut angenommen. Auch die staatliche Universität hat die traditionellen Autoritäten als Rechtsprecher:innen anerkannt, in dem sie genehmigt haben, dass Studierende ihre Universitätspraktika bei ihnen durchführen konnten.

Die erhöhte Anerkennung von traditionellen Autoritäten, ist auch bei den derzeit stattfindenden Protesten gegen die korrupte Regierung, die den Wahlerfolg des neu gewählten Präsidenten Bernardo Arévalo und der Vizepräsidentin Karin Herrera nicht anerkennen wollen, stark bemerkbar. Die traditionellen Autoritäten leiteten den öffentlichen Widerstand und zeigten, dass sie das Potential haben die verschiedenen politische Akteure zu vereinen. Es bleibt zu hoffen, dass die aktuelle außergewöhnliche politische Situation ein guter Rahmen ist für einen Dialog mit der neuen Regierung und den Justizinstitutionen, um ihr Recht auf Rechtspluralismus und ihre eigene gesellschaftspolitische Organisation durchzusetzen.

Dieser Artikel wurde auch in Lateinamerika Anders publiziert: https://lateinamerika-anders.org/themen/indigene-frauen-guatemalas-aktiv-in-der-mayajustiz/.

Verfasst von: Edgar Chitop und Susanne Kummer


[i] Internationale Juristenkommission (IGH); Gerechtigkeit in Guatemala: Ein langer Weg. Jahr 2005. S. 71. L

Mitgliedsorganisationen