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Wandernde Kartoffeln


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Sandra Spatzierer ist Wienerin und – wie ihr Name sagt – gerne in Österreich und der Welt unterwegs. Sie unterstützt die NGO Farm Africa im Norden Tanzanias bei der Vermarktung von Produkten aus dem Forstprojekt zum Schutz des Nou Forests. Auch Sandra erzählt uns von nun an über ihren Einsatz und ihre Erlebnisse. Wir freuen uns sehr darüber!



Unser Projektbüro befindet sich in einem Wald des Dorfes namens Dareda am Fuße des Rift Valley. Der Ort erstreckt sich über mehrere Kilometer, er beginnt an der asphaltierten Straße Richtung Singida und reicht bis zum Bergmassiv, wo Katholiken eine große Kirche und ein renommiertes Spital gebaut haben. Dazwischen liegt ein weiteres Dorf, das Bermi heisst.

Im Projekt arbeiten wir in zwei Distrikten: Babati und Mbulu, jeweils in jenen Dörfern, die direkt an den Nou Wald grenzen. Wenn wir die Dörfer Mbulus besuchen, fahren wir mit dem Auto einen recht weiten Umweg. Von Dareda geht es zuerst in Richtung des Vulkans Hanang und von dort hinauf auf den Berg. Von oben hat man eine schöne Aussicht, u.a. auch auf den nahegelegenen Salzsee. Man kommt als erstes in einen Ort namens Bashnet, wo morgens meist dichter Nebel herrscht, der sich dann mittags verzieht.

Von einigen Kollegen habe ich gehört, dass sich bereits zu Fuss auf den Berg gegangen sind. Das möchte ich nun auch probieren und so fahre ich gemeinsam mit dem Guide Eri nach Dareda. Er zeigt mir den Weg, der direkt hinter dem Spital hochgeht. An sich ist der Berg nicht hoch, aber der Weg entpuppt sich als recht steil. Und die noch größere Überraschung liegt in der Tatsache, wem oder was man beim Aufstieg begegnet.

katholisches-spital-mit-business-road

Schon am Fuße des Berges kommt uns eine Gruppe von Männern mittleren Alters entgegen, die den steilen Weg hinunterlaufen. In meinem Hinterkopf tut sich eine Frage auf: Warum läuft man über Stock und Stein? Es sollen weitere Verwunderungen folgen. Es begegnen uns weiters Frauen mit kiloschweren Kartoffelsäcken auf dem Rücken, sie haben sie mit Seilen umgeschnallt wie einen Rucksack. Kartoffel? Da war doch was… Die wachsen klimabedingt in Bashnet am Besten. Heißt das etwa sie tragen die Kartoffel von Bashnet nach Dareda?

Jeder Frau und jedem Kind – auch sie sind schwer beladen – rufen wir „Pole“ entgegen, was soviel heisst wie „es tut mir leid“ (dafür dass sie soviel tragen müssen). Sie antworten: Danke. Wir machen Platz für einen Mann, der einen Packen meterlanges Holz auf seinen Schultern nach unten trägt. Mir verschlägt es die Sprache. Weiter oben geht eine alte Frau barfuss. Und wieder machen wir Platz. Eine Kuh wird von einem Mann nach unten getrieben. Auf den glatten Steinen rutscht sie mehrmals aus und tut sich weh.

Frau barfuss mit Kartoffelsack

Auf halber Strecke bietet sich ein herrlicher Ausblick über das Dorf bis hinüber zum Vulkan. Im oberen Bereich taucht man in die Ausläufer des Nou Waldes ein, in dem sich auch Palmen befinden und in dem Affen herumtollen.

Immer wieder begegnen wir auch Leuten, die mit leeren Säcken hinaufgehen. Scheinbar haben sie ihre Verkäufe abgeschlossen und kehren zurück. Andere gehen mit leeren Händen hinauf, sie lassen ihre Kartoffel in Dareda und kommen am nächsten Morgen zurück. Der Weg scheint nur für einige wenige ein zweistündiger Wanderweg zu sein. Für alle anderen ist er eine „Business Road“, eine Geschäftsstraße, wie mir mein Guide erklärt.

Kinder auf dem Weg nach oben

Zurück im Dorf fallen mir die Verkäufer aus Bashnet auf. Sie sind auch bei der Nachmittagshitze warm angezogen mit Fleecepulli und Socken. Sie stehen direkt neben den Marktständen mit ihren Kartoffelsäcken und warten den lieben langen Tag auf Käufer. Ein großer Sack kostet 8.000 Tansania-Schilling (TSH), ein Kübel TSH 4.000, ein kleines Sackerl voll TSH 1.000 (= ca. EUR 0,50). In Babati verlangen die Marktstände doppelt bis dreimal soviel für Erdäpfel denn der LKW-Transport hat seinen Preis. Für manche Bewohner von Bashnet und Dareda gehört das Bergsteigen zur alltäglichen Routine. Nun wird mir klar, warum die Männer hinunterliefen. Time is money…

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