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Zurück vom Einsatz: Ulrike Grund (MOZ)


Du bist zurück vom Einsatz. Traf dich nach der Rückkehr der berühmte reverse culture shock?

Ulrike: Wenn ich darunter verstehe, dass ich nach Rückkehr hier nicht mehr funktionieren kann, dann kann ich sagen: Nö, mir ist alles bekannt, ich „funktioniere“. Doch gleichzeitig ist mir einiges fremd. Und es gibt eine Sphäre, die ich bis heute, nach 8 Wochen, immer noch nicht begreife: Ich will Aktuelles von hier vor Ort nicht wirklich wissen, suche weiterhin nach Nachrichten zu Mocambik und anderen afrikanischen Ländern. Mein persönlicher Rahmen um mein Zuhause ist mir gerade zu viel. Ich kann nur wirklich mit Menschen sprechen, die irgendeine Anbindung zu Mocambik oder anderen südafrikanischen Ländern haben, und das ist gerade mal eine Person.

Bist du mit einer Erwartungshaltung nach Hause gekommen?

Ulrike: Ja, ich hatte und habe ein ausgeprägtes Erholungsbedürfnis, körperlich, obwohl nicht krank, und seelisch und geistig. Vielleicht finde ich im Nachhinein doch noch Antworten auf ein paar Fragen, ohne den Arbeitsdruck zu haben.

Und haben sich die Erwartungen auch erfüllt?

Ulrike: Bis jetzt noch nicht, werde mir wohl noch eine Menge mehr Zeit nehmen müssen.

Was nimmst du auf persönlicher Ebene von deinem Einsatz mit nach Hause?

Ulrike: Das Wichtigste ist für mich, nicht die allumfassende Haltung von gegenseitigem Misstrauen mitgenommen zu haben. Und außerdem weiss ich nun, dass ich nicht alles verstehen muss.

Was bleibt beruflich von dir im Projekt?

Ulrike: Ich hoffe doch sehr, dass durch die vielen Gespräche und Fortbildungen ein Handwerkskasten mit Tools für die Beratungsarbeit genutzt sowie eine Haltung von Gleichwürdigkeit angewandt werden wird.

Was verstehst du unter Gleichwürdigkeit?

Ulrike: Mit Gleichwürdigkeit meine ich als Mensch sowohl von gleichem Wert sein als auch mit dem selben Respekt gegenüber der persönlichen Würde und Integrität des Gegenübers sein. Gleichwürdigkeit ist ein nicht mehr ganz neuer Maßstab für zwischenmenschliche Beziehungen, zwischen Erwachsenen und Kindern wie auch zwischen Erwachsenen und Erwachsenen. Das meint eine „Subjekt-Subjekt-Beziehung“ statt einer „Subjekt-Objekt-Beziehung“. Eine Beziehung also, in der die Gedanken, die Reaktionen, die Gefühle, das Selbstbild, die Träume und die innere Realität des Gegenübers ernst genommen werden. Es ist mitunter schwer, eine Haltung anzunehmen, die beiden Seiten gleich dient und nicht die Bedürfnisse des einen über die des anderen stellt. Der Fokus muss darauf gerichtet werden, was zwischen den beiden abläuft (Prozess). Ich stieß auf das Konzept der ‚gleichwürdigen Haltung‘ vor einigen Jahren ursprünglich durch Jesper Juul, einem dänischen Familientherapeuten.

Was war für dich die größte Herausforderung der letzten 2 Jahre?

Ulrike: Dem Schock durch den Zyklon IDAI im März 2019, mit all seinen entsetzlichen Folgen, tatkräftig etwas entgegenzusetzen.

Letzte Frage: Was hast du jetzt vor?

Ulrike: Das steht noch in Frage …

Ulrike Grund (im Bild mit Cecilia Ernesto, Programmverantwortliche für den Arbeitsbereich Kinder und Mädchen bei LeMuSiCa) ist Soziologin und seit Jahren in der Bekämpfung von rechter Gewalt und jeglicher Form von Diskriminierung aktiv. Ihre speziellen Erfahrungen im Bereich häuslicher Gewalt gegen Frauen und Kinder waren zudem Basis für ihre Beratungstätigkeit bei LeMuSiCa.

LeMuSiCa ist eine NGO in Chimoio, Mosambik. Frauen, Mädchen und Kinder, die von häuslicher Gewalt oder/und von HIV betroffen sind, finden hier eine Anlaufstelle für professionelle Beratung und Begleitung. Gegebenenfalls finden die Betroffenen hier auch eine Unterbringung. LeMuSiCa (Levante-se Mulher, e Siga o seu Camino) heißt: Frau steh‘ auf und geh‘ Deinen Weg. Sie entstand 1999 durch eine Fraueninitiative in Chimoio, Provinz Manica, und ist inzwischen national und international vernetzt.

Der Personaleinsatz stärkte durch Capacity Development das Team in seiner psychosozialen Arbeit. In den Bereichen Trauma durch häusliche Gewalt und sexuellen Missbrauch, sowie der Sensibilisierung für Frauen-, Kinder- und Menschenrechte wurden die Mitarbeiterinnen und Multiplikatorinnen je nach Bedarf fortgebildet. Das Projektmanagement unterstützte bei der Weiterentwicklung langfristiger Strategien und Kommunikationskonzepte.

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