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Diego Santos: Ein Leben für die Gerechtigkeit. No hay, no hay! – Geht nicht, gibts nicht!


Kategorien Allgemein, personalia

Diego Santos hat sein Leben in den Dienst der internationalen Zusammenarbeit gestellt. Und zwar ohne Kompromisse. Über 30 Jahre lang war er Projekt- und Programmkoordinator für Zentralamerika bei HORIZONT3000 und der Vorgängerorganisation IIZ, doch selbst die Jahre vor seinem Engagement in der österreichischen EZA, widmete er der Arbeit mit den Menschen in Zentralamerika.

Jetzt geht sein Arbeitsleben so zu Ende wie es begonnen hat: mit ehrenamtlicher Arbeit, wie er sagt. Beim Einsatz für eine gerechtere und bessere Welt standen immer der Mensch und die Selbstermächtigung von Gruppen im Mittelpunkt, sein Lieblingswort war und ist „Zivilgesellschaft“.  

Ein langes erfülltes Arbeitsleben, in dem immer die Stärkung von Mitgliedern aus dieser Zielgruppe an erster Stelle allen Handelns stand.

Diego hat uns über seinen Weg in die Entwicklungszusammenarbeit und über einige persönliche Schlüsselmomente berichtet. Auf diese diese spannende Reise nimmt er uns hier mit.

„Es gab diesen Sektor der internationalen Zusammenarbeit oder einen dazugehörigen Beruf in Spanien nicht. Es gab viele Freiwillige, die aus persönlichen, idealistischen und auch romantischen Gründen dem Ruf der Veränderung gefolgt sind. Später wurde der Sektor professionalisiert und dann erst gab es sogenannte EntwicklungshelferInnen.“

Diego Santos, Wien 2020
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Diego hatte schon als Student Kontakt zu einer Gruppe NicaraguanerInnen in Madrid, die sich für die sandinistische Revolution engagierten. Ein viel beachtetes Interview von Tomas Borge (nicaraguanischer Schriftsteller und Politiker) im spanischen Fernsehen, in dem Borge einen Apell an die internationale Solidarität richtete, war dann einer der Auslöser für Diego aktiv und Teil der damaligen Bewegung in Nicaragua zu werden.

Dies geschah nachdem er Anfang 1979 seinen Wehrdienst als Sanitäter bei der spanischen Armee beendete. Zu diesem Zeitpunkt hatte er bereits sein Medizinstudium abgeschlossen. Da er keine familiären oder persönlichen Verpflichtungen hatte, entschloss er sich dieses Abenteuer in Nicaragua anzunehmen, ohne Zeitlimit, ohne genauen Plan.  

Von seinem Vater, einem spanischen Landarzt, mit hohem sozialem Gewissen ausgestattet nahm er auch viel Durchhaltevermögen mit auf die Reise. Medizin hatte er nur deshalb studiert, weil „es mir als die Wissenschaftlichste der Geisteswissenschaften und gleichzeitig die Menschlichste in der Wissenschaft erschien“. Eigentlich wollte er ja Kunstkritiker werden, mangels Möglichkeiten, dies zu studieren, wurde er der Familientradition folgend Arzt.

Also fand sich Diego Santos 1979 auf einem baskischen Dampfer als Freiwilliger wieder. 14 Tage am Schiff von Lissabon noch Panama, dann durch den Panamakanal und über El Salvador nach Nicaragua, wo er auf unzählige andere Freiwillige traf. Unter ihnen auch alte Bekannte aus Madrid, die schon zuvor mit dem Flugzeug gekommen waren.

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Dann ging es sofort los: Seine erste Arbeit war die als Gefängnisarzt (ein Gefängnis der Luftfahrt, in dem früher die SandinistInnen festgehalten wurden und nun SomozistInnen) – mit einem kleinen Gehalt der neuen sandinistischen Regierung ausgestattet. So lernte er Nicaragua kennen.

1980 Alphabetisierung: no hay, no hay – es geht, weil die Menschen wollen

Eine einschneidende Erfahrung dann im Jahr 1980. Entgegen vieler ExpertInnenmeinungen der UNESCO und anderer internationaler Hilfsorganisationen rief Fernando Cardenal eine landesweite Alphabetisierungskampagne vor allem für die ländlichen Gebiete Nicaraguas aus. Die Hauptargumente für den Erfolg der gorß angelegten Initiative waren politischer Willen, Einsatzbereitschaft und vor allem Engagement der gesamten Bevölkerung. Genau das gab es damals in Nicaragua nach der Revolution. Auf internationaler Ebene erntete diese Initiative zu Beginn nicht mehr als Kopfschütteln.

Es gab einige Vorerfahrungen und ein Rahmenkonzept. Die Alphabetisierung von Erwachsenen ist etwas sehr Grundlegendes in jeder Gesellschaft. Etwas sehr Demokratisches in dem Sinne, dass sie von einem politischen Willen dazu bewegt wird. Ein Umstand, warum es auch funktioniert hat. Viele Menschen sahen die Notwendigkeit zur Alphabetisierung und haben sich persönlich engagiert.

Galerie: Alphabetisierungskampagne 1980

Die Jüngsten, die hier mitmachten, waren SchülerInnen aus der Hauptstadt, gerade 12 Jahre alt. Sie fanden sich plötzlich in einer fordernden, aber sehr fruchtbaren Lehr- und Lernrealität wieder. Viele junge Leute lernten dadurch ihr Land richtig kennen, reisten im Land umher und sahen zum ersten Mal, was es heißt sich seinen Unterhalt als Bäuerin oder Bauer am Land zu verdienen. Begleitet wurde eine dieser Gruppen von Diego:

„Vielfältige Erfahrungen für mich, als ich in der Nähe von Rama war, an der zentralen Atlantikküste am Ende der Straße, die von Managua in die Karibik führt, um die Jugendlichen medizinisch so gut wie möglich zu begleiten.“

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Galerie: Klinik „Carlos Roberto Huembes“

In Rama war er in einer ehemaligen kolonialen Privatklinik stationiert und begleitete die Alphabetisierung. Dort sollten sich seine Wege erstmals mit ÖsterreicherInnen kreuzen. Es waren MedizinerInnen, die einen Teil ihres Turnus in Nicaragua absolvierten. Die jungen ÖsterreicherInnen waren für die Behandlung der allgemeinen Bevölkerung zuständig, während Diego für die Jugendlichen in der Kampagne zuständig war. Es gab faktisch keine Wochenenden und keinen Dienstschluss in dieser sehr intensiven Zeit. Nach zweieinhalb Jahren kehrte er dennoch nach Europa zurück, aber nicht nach Spanien, sondern nach Österreich.

1982: Angekommen in Österreich und der internationalen Zusammenarbeit

„Meine Ex-Frau, die Mutter meiner Kinder, war eine der ÄrztInnen, die sechs Monate dort arbeiteten. Sie kehrte nach Österreich zurück, wir blieben in Kontakt und ein Jahr später kam ich nach Österreich. Es scheint, dass ich mich hier wirklich sehr wohl fühle. Ich bin noch immer hier.“

Danach war er als Übersetzer für einen multinationalen Pharmakonzern in Wien für die Region Lateinamerika tätig. Jeden Donnerstag nahm er an der Sitzung des Österreichischen Solidaritäskomitees mit Nicaragua (ÖSKN) teil, wo er auch seine emotionale Heimat fand. Einerseits um einmal die Woche Spanisch zu sprechen, andererseits um etwas Deutsch zu lernen und das in Zusammenhang mit seinem Herzensthema Nicaragua. Er blieb dadurch auch am Thema dran und reiste als Abgesandter des Nicaragua-Komitees zu Veranstaltungen in Dublin, Madrid, Rotterdam und Athen. Bis 1988 der Hurrikan Juana alles änderte.

Treffen des „österreichischen Solidaritäskomitees mit Nicaragua“ (ÖSKN) in Wien

Der Hurrikan Juana beschädigte die kleine Klinik in Rama, in der die österreichischen ÄrztInnen und Diego während der Alphabetisierungskampagne arbeiteten, massiv und so wurden vom österreichischen Bundeskanzleramt Finanzmittel für den Wiederaufbau zur Verfügung gestellt.

„Ich war sehr daran interessiert, mich am Wiederaufbau des Krankenhauses zu beteiligen. Das Bundeskanzleramt beauftragte das IIZ (Vorgängerorganisation von HORIZONT3000) mit dem Projekt und so kam ich in den Bereich der internationalen Zusammenarbeit.“

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Galerie: neues Krankenhaus „Carlos Roberto Huembes“

Institut für internationale Zusammenarbeit, Mexiko, Nicaragua, Guatemala

Der Wiederaufbau sollte ein Jahr in Anspruch nehmen. Danach wird er Teil des Teams von Lateinamerika beim IIZ, am Anfang verantwortlich für einige Projekte im Gesundheitssektor in Mesoamerika.

„1995 gab es eine große Veränderungen im IIZ. Auch für mich, denn das IIZ hat damals beschlossen, keine weiteren EntwicklungshelferInnen mehr zu entsenden, Mexiko zu verlassen und das Engagement in El Salvador auszubauen. Ich habe dann nach diesen Umstrukturierungen und Neuerungen in der Programatik Guatemala und El Salvador von Wien aus betreut.“

1990: Guatemala – Einsatz für Landrechte

Guatemala war in den 80er Jahren von grausamen Massakern gegen die ländliche, indigene Bevölkerung geprägt. Die Beziehungen des IIZ zu Guatemala wurden damals von KollegInnen geknüpft, die sich in der Region sehr gut auskannten.

Mit Ende des Bürgerkrieges 1990 ging es bei der Arbeit in Guatemala vor allem darum, sich mit der Frage der Agrarreform, der Frage des Zugangs zu Land und allgemein und mit der Frage der Landrechte für die indigene Bauernschaft im Westen Guatemalas zu beschäftigen.

Und in diesen Themen war die katholische Kirche im Westen Guatemalas sehr stark engagiert. Unter der Federführung eines jungen – der Befreiungstheologie nahestehenden – Priesters und Direktors des CCIC (Centro de Capacitación e Investigacion Campesina), einem Fortbildungszentrum für Agrarfragen der Diözese Quetzaltenango.

Galerie: Interdiözesanen Landpastorale

Das IIZ unterstützte die Gründung der Landpastorale in der Diözese des westlichen Hochlands Guatemalas, diese schließen sich später durch den persönlichen Einsatz des heutigen Kardinal Ramazzini zur interdiözesanen Landpastorale zusammen, welche später zu einem der wichtigsten Akteure für den Schutz natürlicher Ressourcen in der zivilgesellschaftlichen Bewegung Guatemalas aufstieg.

Bild: Kardinal Ramazzini mit Friedensnobelpreisträgerin Rigoberta Menchu bei einer Aktivität des Programmes für Menschenrechte der Diözese San Marcos zur Verhandlung des lokalen Friedensabkommens

Bei der Arbeit in Guatemala ging es zu Beginn vor allem darum, die Stadt Quetzaltenango beim Aufbau der öffentlichen Wasserversorgung zu unterstützen. Es wurde ein Konsortium mit einer österreichischen Firma gegründet, die die technische Leitung hatte. Das IIZ war für die allgemeine Koordination des gesamten Projekts und der Bewusstseinsbildung in der Bevölkerung zuständig. Das lief so gut, dass diese Erfahrungen in weiteren zwei Städten des Westens von Guatemala implementiert wurden.

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Galerie: Projekt Xlok’a – neue Wasserwerke und Masterplan für Quetzaltenango (im Bild 4: VertreterInnen der ADA und dem Außenministerium auf Besuch im Projektbüro)

In Quetzaltenango hatten alle ortsansässigen, österreichischen Entwicklungsinitiativen eigene kleine Büros. Um mehr Synergien zu schaffen, wurde ein gemeinsames Zentrum unter dem Namen CIDO (Centro de Iniciativas de Desarrollo del Occidente en Quezaltenango) gegründet. Es war aber nicht nur Büro für diese Initiativen, sondern darüber hinaus vor allem Treffpunkt, Kulturzentrum und Ort des Austausches. Mit Seminarräumen, einer Bibliothek und auch einer Videothek. Das Haus stand allen lokalen Initiativen aus Quetzaltenango offen.

Galerie: CIDO (Centro de Iniciativas de Desarrollo del occidente en Quezaltenango)

„Wir veranstalteten zahlreiche Seminarreihen, zum Beispiel über die Systematisierung von interessanten Erfahrungen mit ganz vielen TeilnehmerInnen auch von Mitgliedsorganisationen von HORIZONT3000 und der ADA.“

über das Zentrum CIDO

El Salvador – das modernste Land

Wie in Guatemala gab das Friedensabkommen in El Salvador den Startschuss für die programmatische Arbeit im Jahr 1992. Dem IIZ war es möglich, eine Strategie für das Land El Salvador zu entwickeln, die sich trotz widrigster Umstände durchsetzen sollte.

Im Jahr 1995 nach dem Beitritt Österreichs zur Europäischen Union und der Begründung der Euro-Zone stürzte die gesamte Region in eine Finanzkrise, da die USA begannen den Dollar gegenüber dem Euro aufzuwerten. Mit gravierenden Folgen für ganz Mittelamerika, insbesondere El Salvador.

Das bedeutete einen riesigen Verlust für das mittelamerikanische Programm des IIZ und es stand zur Diskussion El Salvador zu verlassen. Doch das IIZ entschied sich dafür Haushaltsanpassungen vorzunehmen ohne El Salvador verlassen zu müssen.

„Ich bin sehr zufrieden mit der Art und Weise, wie die salvadorianische Strategie umgesetzt wurde, auch wenn es einen zweiten Moment in der Geschichte von HORIZONT3000 in El Salvador gab, in dem wir aufgrund einer sehr drastischen Budgetkürzung seitens der ADA das Projektbegleitbüro in San Salvador schließen mussten.“

Das höchst erfolgreiche und ausgezeichnete Programm der Agrarökologie und somit Mitgründung der Bio-Bewegung von El Salvador, das damals richtungsweisend war und zu Beginn zu 100 % über die ADA finanziert wurde, konnte durch die erfolgreiche Arbeit der Partnerorganisationen mit der Europäischen Union finanziell aufgefangen werden und dadurch sehr erfolgreich weitergeführt werden.

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„Und ich kann sagen, dass ich das heute für das modernste und erfolgreichste Programm halte, mit vielen sehr kongruenten Themen. Natürlich kann man sagen, wir hatten nur Glück, aber ich denke, dass wir damals für El Salvador genau auf die richtigen Themen (Agrarökologie und Gender) gesetzt haben.“

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El Salvador ist ein großartiger Verhandlungspartner, was hervorragende Verhandlungen ermöglicht, und das nicht nur wenn es um Geschäfte geht. Es gibt eine hohe Bereitschaft in der Gesellschaft zusammen zu arbeiten, wenn die Rahmenbedingungen stimmen.

Über das Glück eines sinnvoll verbrachten Arbeitslebens

Der Rahmen und die Verbindungen zwischen einzelnen Komponenten sind oft genau der notwendige Funke, um aus einer großartigen Idee eine praxisnahe und erfolgreiche Initiative zu machen, denn erst die Praxis zeigt, wie gut eine Idee wirklich ist. Die Bescheidenheit des Weisen nimmt Diego Santos mit in seine nächste Lebensphase:

„Ich bin kein Erfinder. Ich kenne viele KollegInnen, die schon tolle neue Ideen hatten, aber ich nicht. Was ich immer gut konnte, war, verschiedene Ideen zu kombinieren und ihnen einen realitätsnahen Rahmen zu geben, der eine erfolgreiche Umsetzung im Sinne der lokalen Zivilgesellschaft gewährleistet.“

Bild: Abschiedsfeier HORIZONT3000 Dezember 2020, im Bild mit Elfi Paller und Erwin Eder

Wir alle in Wien und auch unser Zentralamerika-Büro und nicht zuletzt unsere Partnerorganisationen in Zentralamerika wünschen Diego alles Gute für seine wohlverdiente Pension und weiterhin viel Energie bei allen seinen Aktivitäten. 

Er war jahrelang Motor und Inspiration für viele KollegInnen und ProjektpartnerInnen in der täglichen Arbeit der Entwicklungszusammenarbeit und hat immer wieder gezeigt, wie man mit großen Erfahrungsschatz, Partnernähe, kritischem Denken und allem voran einem enormen persönlichen Engagement   für Gerechtigkeit und Ermächtigung unserer Zielgruppen positive Spuren auf vielen Ebenen   hinterlassen kann! 

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