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Gratwanderung unter Covid-19: Als Berater im Ausnahmezustand


Kategorien Allgemein, vor ort

Ein Bericht von Johannes Raher (Mosambik)

Zugegeben, ein etwas Aufmerksamkeit heischender Titel für einen Erfahrungsbericht, der versucht zu beschreiben, welche Gratwanderung meine Arbeit als Berater in der Entwicklungszusammenarbeit im Jahr 2020 in Mosambik mit sich gebracht hat. Was meine ich hier mit Gratwanderung?

Ich bin Ende des Jahres 2019 als Berater für Entrepreneurship nach Mosambik gegangen. Seither arbeite ich gemeinsam mit den Lehrlingsausbildungseinrichtungen von Young Africa (YA) zusammen daran Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Mosambik eine Berufsausbildung zu ermöglichen.

Ich im leeren Ausbildungszentrum

Nach den ersten Monaten, in denen ich mich bei Young Africa eingearbeitet hatte, erreichte die Covid-19-Pandemie Mosambik, mit ihr alle bekannten Präventionsmaßnahmen, unter anderem die Schließung von Schulen und Ausbildungseinrichtungen. Die beiden Ausbildungszentren von Young Africa in der Zentralprovinz Sofala wurden gemäß den Regeln des verhängten Ausnahmezustands in Mosambik ebenfalls von Mitte März bis Ende September geschlossen.

Die abrupte Schließung hatte durch fehlende Einnahmen aus Kursgebühren und Stipendienprogrammen gravierende Auswirkungen auf die finanzielle Lage von Young Africa Mosambik. Um die sozialen und ökonomischen Folgen der Covid-19-Pandemie für die Lehrlinge und ihrer Familien sowie für die Ausbildungseinrichtungen abzufedern, konnte Young Africa Mosambik gemeinsam mit der Niederländischen Botschaft ein Covid-Nothilfeprojekt starten. Das Projekt bestand aus: a) Herstellung und Verteilung von 30.000 Gesichtsmasken, b) Lebensmittelpakete für 5.000 Familien in der Provinz Sofala, c) Psychologische Telefonseelsorge, d) Investitionen in einkommensgenerierende Maßnahmen im Agrarsektor, und e) Implementierung einer E-Learning-Plattform.

Food Kits, die verteilt wurden

Für eine Organisation wie Young Africa, die sich bisher auf Lehrlingsausbildung und längerfristige Entwicklungsprojekte spezialisiert hat, war dieses Projekt aufgrund des neuen Arbeitsfeldes der Lebensmittelverteilung und den humanitären Anforderungen von schneller Hilfe eine große Herausforderung. Zwar hatte Young Africa im Jahr 2019 nach dem Zyklon Idai schon Lebensmittelpackte in Zusammenarbeit mit Caritas Österreich verteilt, allerdings in viel kleinerem Umfang.

Aksana und ich bei einem Händler in Buzi

Dieser temporäre Fokus auf ein großes Nothilfeprojekt hat auch mich in meiner Rolle als Berater vor neue Herausforderungen gestellt. „Organisiere ich das Projekt jetzt weiter aktiv mit oder stehe ich besser beratend zur Seite und gebe Hilfestellungen?“ Diese Frage habe ich mir mehr als einmal während der ersten Phase des Projekts gestellt. Ich war sehr stark eingebunden als Verbindungsperson zwischen Young Africa Mozambique und Young Africa International. Letztere hatten das Projekt erarbeitet und standen im Kontakt mit der niederländischen Botschaft. Es waren oft diese Drahtseilakte bei Arbeitsschritten, die schnell erfolgen sollten, zwischen „bestimmte Dinge selbst organisieren“ oder sie an einen meiner lokalen KollegInnen weitergeben.

Suppenküche für StudentInnen

Durch den großen Arbeitsaufwand, den das Covid-19-Nothilfeprojekt mit sich brachte, und den Umstand, dass bei YA Mosambik nur eine zusätzliche Arbeitskraft angestellt wurde, nahm der Arbeitsdruck und das Stressniveau auf die MitarbeiterInnen erheblich zu. Mir wurde schnell klar, dass unter diesen Umständen rein beratende Tätigkeiten meinerseits nicht ausreichen würden um das Nothilfeprojekt erfolgreich umzusetzen. Somit entschied ich mich in bestimmten Bereichen auch auf operativer Ebene aktiv einzubringen. Diese graduelle Mitarbeit (quasi als zusätzliche Arbeitskraft) ist zu einem gewissen Grad wahrscheinlich allen BeraterInnen, die längere Zeit in der Entwicklungszusammenarbeit arbeiten, in der einen oder anderen Form bekannt.

Counterpart: Aksana Varela

Meine Mitarbeit mit meinen Counterparts (zu beratende KollegInnen) hatte die Auswirkung – um nur einen positiven Effekt zu nennen –, dass ich den normalen Arbeitsalltag und die täglichen Probleme (die es in jeder Organisation gibt) sehr umfassend mitgekommen habe und dadurch die Organisationsanalyse, die ich für YA erarbeitet hatte und stetig erweitere, viel realitäts- und praxisnaher wurde.


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