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Unser ehemaliger Geschäftsführer Hans Bürstmayr verstorben – Nachruf von Heinz Hödl


Kategorien Allgemein, austria
Hans Bürstmayr25.07.1934 – 27.5.2021 

Der Absolvent der Hochschule für Welthandel war in den 1960er Jahren mitverantwortlich, dass die Personelle Entwicklungszusammenarbeit in Österreich möglich wurde. Sein Resümee: Trotz vieler Erfolge der kirchlichen Entwicklungszusammenarbeit würden die Strukturen in den Ländern des Südens selber, vor allem aber zwischen armen und reichen Ländern wirkliche Fortschritte verhindern. Was aber auch dazu führte, so Bürstmayr, dass kirchliche Organisationen immer stärker auch politisch für gerechtere Beziehungen eingetreten seien. Hans Bürstmayr wurde 86 Jahre alt. Voll Dankbarkeit und in tiefer Verbundenheit gedenken wir seiner. Unser Mitgefühl ist bei seiner Familie.

Nachruf

Hans Bürstmayr wurde Mitte der fünfziger Jahre Zentralsekretär der Kath. Landjugend. Seine weiteren Stationen waren – immer in leitender und verantwortlicher Funktion – das Landjugendwerk für Entwicklungshilfe, der Jugendrat für Entwicklungshilfe, der ÖED, dessen Geschäftsführer er von Beginn an – insgesamt für 23 Jahre – war. Dann folgte die Gründung der Kofinanzierungsstelle (KFS) und nach der Fusion von IIZ, ÖED und KFS noch sein Engagement bei HORIZONT3000.  

47 Jahre hauptamtlicher Dienst in kirchlicher Arbeit gingen mit seiner Pensionierung im Juni 2002 zu Ende. Sein Einsatz für kirchliche Entwicklungszusammenarbeit war damit jedoch nicht beendet. Er war in seiner Pension, beratend und gestaltend für die Koordinierungsstelle der Bischofskonferenz bis 2017 tätig. Die Österreichische kirchliche Entwicklungszusammenarbeit trägt seine Handschrift. Ihm ist es zu verdanken, dass bei den verantwortlichen Stellen der Republik Österreich ein hohes Ansehen und ebenso hohes Vertrauen in die kirchliche Arbeit besteht.  

In den 1950iger Jahren begann die organisierte kirchliche Hilfsbereitschaft: Sternsinger, Katholische Frauenbewegung und Männerbewegung engagierten sich. Hans Bürstmayr, damals Generalsekretär der Katholischen Landjugend machte beim Weltkongress der Bewegung 1960 in Lourdes bahnbrechende Erfahrungen: Es ging um den Hunger in der Welt. Hunger nach Bildung, nach menschlichen Werten. Das Thema „Hunger in der Welt“ war damals nicht so selbstverständlich, wie es heute erscheinen mag. Erst 1952 war durch den damaligen Generaldirektor der FAO Jose de Castro (aus Brasilien) die erste Studie über den Welthunger veröffentlicht worden. Mit dem Thema Hunger erhielt 1960 das missionarische Engagement der Katholischen Landjugend eine ganzheitliche Dimension. Dem Aktionsprinzip „Sehen – Urteilen – Handeln“ entsprechend beschränkte sich die Katholische Landjugend nicht auf theoretische Auseinandersetzungen, sondern suchte auch nach einer konkreten Aktionsmöglichkeit, die sie durch den Hilferuf des tansanischen Bischofs Charles Msakila findet. Bischof Msakila will die Ausbildung seiner Katechisten verbessern. So wurden im September 1961 Maria und Leopold Leeb zu den ersten Entwicklungshelfern des Landjugendwerkes für Entwicklung. Aus diesem Werk wurde 1968 der Österreichische Entwicklungshelferdienst (ÖED). Das Wort Helfer verschwand bald aus dem Namen des ÖED, es blieb beim Dienst. Die über 1500 Entwicklungshelferinnen und Entwicklungshelfer brachten in Österreich ihre positiven Erfahrungen ein und engagierten sich für Weltoffenheit, Zusammenarbeit und Solidarität. Die entwicklungspolitische Szene Österreichs würde ohne sie und ohne Hans Bürstmayr anders aussehen.  

Die Kofinanzierungsstelle für Entwicklungszusammenarbeit (KFS) wurde 1992 von mehreren Mitgliedern der Koordinierungsstelle der österreichischen Bischofskonferenz für internationale Entwicklung und Mission mit dem Hauptzweck gegründet, mehr öffentliche Mittel in die Programme und Projekte kirchlicher Entwicklungszusammenarbeit einzubringen, also die Kofinanzierung zu verstärken und zu professionalisieren. Das ist auch gelungen, denn es hatte sich bewährt, dass die kirchlichen Organisationen, die ihrerseits erhebliche Mittel sammeln und selber einsetzen, sich für die Kofinanzierung öffneten. Hans Bürstmayr war einer der Mitinitiatoren bei der Gründung und langjähriger Geschäftsführer der KFS. 

Im September 2000 wurde aus den Vorgängerorganisationen ÖED, KFS und IIZ (Institut für internationale Zusammenarbeit) die neue Organisation HORIZONT3000. Hans Bürstmayr war wiederum bei der Vorbereitung und Gründung maßgeblich dabei. HORIZONT3000 setzte neue Maßstäbe im Vernetzen von Erfahrungen, um mit der jeweils „best practice“ zu einem bestimmten Problem gut gerüstet ins 3. Jahrtausend durchzustarten.  

Hans Bürstmayr war während seiner Tätigkeit immer auch federführend in der Koordinierungsstelle der Österreichischen Bischofskonferenz für internationale Entwicklung und Mission, wie auch im Kuratorium des Afro-Asiatischen Institutes in Wien, bei Justicia et Pax sowie in der Österreichischen Forschungsstiftung für Entwicklungszusammenarbeit (ÖFSE) tätig. Seine Sorge und sein Einsatz galten den Hungernden und Ausgebeuteten dieser Erde, für die er gerechte Lebenschancen forderte – nicht auch ohne ihre Pflichten zu betonen. Ihm war die menschliche Begegnung, die Bildungsarbeit, das Anregen und Beihilfe leisten, damit die menschliche und christliche Förderung der Entwicklung der Menschen in aller Welt gelinge, oft wichtiger als finanzielle Hilfe. 

Hans Bürstmayr hat unzählige Reisen in die Zielländer der Entwicklungszusammenarbeit gemacht, Menschen, Entwicklungshelferinnen und – helfer, Bischöfe in Afrika, Asien und Lateinamerika besucht. Sein umfassendes Wissen und sein Engagement haben dazu geführt, dass das erste grundlegende Werk zur Entwicklungspolitik der Kath. Kirche in Österreich, das im Jänner 1980 publiziert wurde, seine Handschrift trägt – er war u.a. für den Inhalt verantwortlich. Die Leitlinien für die Zusammenarbeit der Katholischen Kirche sind das Fortsetzungswerk und wurden 1997 beschlossen. Sie sind noch immer richtungsweisend für die vielfältigen Aktivitäten auf allen Ebenen der Entwicklungszusammenarbeit und Mission der Katholischen Kirche in Österreich.  

Die Frage, die Hans Bürstmayr sich immer wieder neu stellen musste war also: Was sind die Zeichen der Zeit, die zu erforschen und – im Lichte des Evangeliums – zu deuten sind, um auf die Hoffnungen und Ängste der Menschen zeitgemäß antworten zu können? Daher hat Hans Bürstmayr immer und immer wieder die Antwort nach dem Entwicklungsbegriff eingefordert. Für ihn war Entwicklung mehr als Wachstum und Fortschritt. „Entwicklung ist nicht gleichbedeutend mit wirtschaftlichem Wachstum, wahre Entwicklung muss umfassend sein, sie muss jedem Menschen und den ganzen Menschen im Auge haben.“ (PP 14) Die Enzyklika Populorum progressio Paul VI. von 1967 stellte damit eine neue Vision von Entwicklung auf. Sie ist aktueller denn je und bis heute gültig. Für ihn war Popolorum progressio immer eine Basis für sein Wirken.  

Der Name Hans Bürstmayr löst nicht nur bei mir eine Reihe von Assoziationen aus:  

Hans Bürstmayr steht für Klarheit der Entscheidungen, für Verantwortungsfreude und Festigkeit in der Vertretung von Grundsätzen – ein Mensch der aufrecht geht und auch fähig ist, Positionen des Denkens anderer in sein eigenes Verhandeln einzubeziehen und tragfähige Kompromisse zu schließen. 

Für alle, für die eine Verbesserung des gemeinsamen Handelns für eine menschenwürdige Zukunft aller Menschen ein Ziel bleibt, wird Hans Bürstmayr für immer ein Vorbild bleiben.  

Einer der Gründerväter der Europäischen Union, Jean Monnet, hat gesagt: „Menschen setzen Initiativen, Institutionen stellen sie auf Dauer. Die Grundlage aber für befruchtende Initiativen bildet die Begegnung mit anderen.“ Hans Bürstmayr war ein Mensch, der Initiativen setzte und sie dann als Institution effektiv geleitet und begleitet hat.  

Heinz Hödl, Wien, 1. Juni 2021 

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